Drei Fragen an Laura Buchinger

  • Mit welcher Reaktion haben Sie gerechnet, als Sie Ihren Chef auf Ihren Wunsch angesprochen haben, nach Kanada zu gehen?

    Laura Buchinger: Ich habe versucht, die Sache nicht zu sehr zu überdenken und mit keinerlei Erwartungen in das Gespräch zu gehen. Ich war mir der Gründe, die gegen ein solches Experiment sprechen, bewusst, habe eine negative Reaktion aber nicht erwartet. Wir haben das Glück, sehr verständnisvolle Chefs zu haben und damit meine ich nicht, dass grundsätzlich alles erlaubt wird, sondern dass die Art der Kommunikation sehr transparent und wertschätzend ist. Auch ein "Nein" kann verständnisvoll kommuniziert werden. Aber natürlich habe ich mich unglaublich gefreut, dass mir so viel Vertrauen entgegengebracht wurde und wir das Experiment aktuell tatsächlich umsetzen.

  • Was hat die Ortsänderung mit sich gebracht?

    Laura Buchinger: Zum einen bekommt man ein besseres Verständnis dafür, wie viel Zeit Unterbrechungen wie Anrufe, Teambesprechungen, externe Termine, Fahrten oder einfach nur Gespräche unter Kollegen in Anspruch nehmen. Durch die Zeitverschiebung können Absprachen mit Kollegen und Kunden nur zwischen 7 und 10 Uhr früh meiner Zeit stattfinden. Ab 10 Uhr kann ich mich also hundertprozentig auf eine Sache konzentrieren. So konnte ich einige Projekte wesentlich schneller als in Deutschland erledigen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Situationen, in denen ich sozusagen "festhänge". Eigentlich müsste ich nur ein kleines Detail absprechen, kann dies aber aufgrund der Zeitverschiebung nicht. Teil unserer Arbeit ist außerdem das Halten von Workshops und Seminaren, was ich natürlich aus Kanada nur bedingt durchführen kann. Zwar arbeiten wir auch mit Videokonferenzen, allerdings gehen auf diesem Wege auch einige (teils informelle) Informationen verloren. Man lernt ein Unternehmen und die dort vorherrschende Kultur einfach besser kennen, wenn man physisch zumindest einmal vor Ort war. Seminare und Workshops sind ein herausfordernder und spannender Teil meiner Arbeit, den ich auf Dauer auf jeden Fall vermissen würde.

  • Was hat Ihnen das Projekt genützt? Was haben Sie daraus gelernt?

    Laura Buchinger: Ich habe gelernt, wie verzerrt unsere Zeitwahrnehmung und das daraus resultierende Zeitmanagement doch sein kann. Außerdem habe ich gelernt, dass man nicht immer erreichbar sein muss, um ein optimales Arbeitsergebnis zu erzielen. Eine weitere Erkenntnis für mich war, dass der Erfolg dieses Experiments stark von der Arbeitsaufgabe abhängt. Dabei eignen sich klar definierte Aufgaben grundsätzlich besser als breiter gefasste Arbeitsaufträge mit noch unspezifischen Arbeitsschritten. Wir widmen uns in unserer Arbeit jedoch oft neuen Fragestellungen ohne bekannte Lösung, weshalb weder die Arbeitsschritte noch das erwünschte „Endprodukt“ klar definiert sind. Dies kann ein Problem darstellen, da diese Art von Arbeitsaufgaben mehr Austausch und Feedback bedarf. Zudem habe ich versucht, die kanadische Arbeitswelt besser kennenzulernen und hierbei mehr über die für uns relevanten Themen wie Arbeitszufriedenheit, Resilienz, Umgang mit Stress, psychische Belastung am Arbeitsplatz etc. zu erfahren.