Neue Technologien müssen menschenverträglich gestaltet werden

  • Welche Chancen und Herausforderungen entstehen in der Arbeitswelt durch den Einsatz von Robotern in der Produktion?

    Verena Nitsch: Die Automatisierung durch Roboter kann Arbeitsabläufe stark beschleunigen und Personalkosten einsparen. Sie ist jedoch auch mit hohen Investitions- und Wartungskosten verbunden und wirtschaftlich oft nur sinnvoll, wenn in großer Stückzahl produziert wird. Aufgrund aktueller technologischer Entwicklungen sinken jedoch die Kosten stetig; Roboter werden außerdem immer mobiler und flexibler einsetzbar. Damit wird die Automatisierung auch für kleinere Unternehmen zunehmend attraktiver.

    Auch an Assistenzrobotern, die Personen benötigte Werkzeuge liefern, für sie schwere Gegenstände halten oder durch Qualitätsprüfungen unterstützen, wird derzeit geforscht. Eine solche Mensch-Roboter-Kooperation bietet die Möglichkeit, die Arbeit für Menschen effizienter und ergonomisch verträglicher zu gestalten.

    Häufig stehen jedoch Beschäftigte der Einführung von Robotern am Arbeitsplatz skeptisch gegenüber. Sie fürchten, dass ihre Arbeit dadurch unnötig kompliziert wird, umfangreiche Weiterbildungsmaßnahmen erforderlich oder sie durch die Maschine bald ersetzt werden. Werden Roboter nicht von den Menschen akzeptiert, ist es möglich, dass sie nicht genutzt, falsch bedient oder gar sabotiert werden. Außerdem kann so Stress entstehen, der wiederum zu gesundheitlichen Problemen führen kann. Eine große Herausforderung besteht daher darin, neue Technologien menschenverträglich zu gestalten und einzusetzen, damit diese produktiv und sicher genutzt werden können.

  • Sie forschen an der menschenzentrierten Automatisierung in der Produktion. Wie unterscheidet sich dieses Konzept von der maschinenzentrierten Automatisierung und welche Vorteile hat es?

    Verena Nitsch: Bei der maschinenzentrierten Automatisierung wird Technologie eingesetzt, um Arbeit, die zuvor von einem Menschen durchgeführt wurde, weitestgehend ohne den Eingriff eines Menschen zu erledigen. Menschen werden hierbei häufig als Lückenbüßer eingesetzt: Ihnen bleiben die Aufgaben, die von der Maschine (noch) nicht selbständig ausgeführt werden können. Arbeitsabläufe können so in der Regel stark beschleunigt werden, jedoch kann dies negative Auswirkungen für den Menschen haben, z. B. Kompetenzverlust, körperliche Schäden oder Stress durch Unter- oder Überforderung.

    Bei der menschenzentrierten Automatisierung wird Technologie eingesetzt, um den Menschen bei der Arbeit bestmöglich zu unterstützen. Das ist ungleich schwieriger, denn es erfordert die Betrachtung des gesamten Arbeitssystems, nicht nur einzelner Arbeitsaufgaben. Sie ermöglicht jedoch den langfristigen Erhalt einer wertvollen Ressource: der Arbeitskraft des Menschen. Das ist auch wirtschaftlich sinnvoll.

  • Welche Möglichkeiten bieten Experimentierräume bei der Kollaboration von Mensch und Maschine?

    Verena Nitsch: Experimentierräume sind essentiell für eine menschengerechte Kollaboration von Menschen und Robotern. Rücken Mensch und Roboter immer näher zusammen, entstehen Gefahren, u. a. für die physische Sicherheit des Menschen, aber auch für die empfundene Jobsicherheit. In Experimentierräumen können Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam mit Technologieentwicklern und Arbeitswissenschaftlern erproben, welche Merkmale kollaborierende Roboter aufweisen sollten, um Menschen bestmöglich zu unterstützen und im Arbeitsalltag akzeptiert zu werden.