Risiken bei der Arbeit sind zunehmend psychosozial

  • Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf die Gesundheit im Arbeitsleben? Welche positiven Effekte und welche Risiken sehen Sie?

    Rebecca Brauchli: Die Risiken bei der Arbeit sind zunehmend psychosozial, unter anderem weil die körperliche Unversehrtheit bei der Arbeit in westlichen Ländern weitgehend gewährleistet ist. Nicht zuletzt deshalb verliert Prävention zunehmend an Bedeutung, wohingegen die individuelle, proaktive Gestaltung unserer (Arbeits-)Umwelt immer wichtiger wird.

    Die Digitalisierung hat neue Kommunikationsformen hervorgebracht, durch die wir immer besser orts- und zeitungebunden arbeiten können. Die Zeit- und Ortsflexibilität hat dabei zum einen positive Auswirkungen – zum Beispiel eine erleichterte Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Zum anderen muss aber auch berücksichtigt werden, dass eine ständige Erreichbarkeit eine negative Auswirkung auf unsere Gesundheit haben kann. In Befragungsstudien wird die subjektiv empfundene ständige Erreichbarkeit häufig als Ursache von physischen und psychischen Belastungen entdeckt. Am häufigsten werden Stress und Burnout mit ständiger Erreichbarkeit in Verbindung gebracht. Das "Problem" mit der ständigen Erreichbarkeit respektive Digitalisierung ist, dass es uns – ich sage das verallgemeinernd, da viele Personen darunter leiden – bislang noch nicht gelungen ist, einen guten und gesunden Umgang mit den Möglichkeiten der neuen Technologien zu pflegen (Stichwort "Digital Awareness"). Gelingt uns das Abschalten von der Arbeit nicht, ist das Risiko für Burnout erhöht. Es gibt keinen effektiveren Weg abzuschalten als physische Aktivität, und zwar in einer hohen Intensität – das heißt Joggen oder Fahrradfahren, weniger langsames Spazieren oder körperliche Entspannungsübungen.

  • Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der gesundheitspsychologischen Betrachtung des Work-Life-Konflikts. Welche gesundheitlichen Aspekte müssen hier adressiert werden?

    Rebecca Brauchli: Die aktuelle Forschung zeigt, dass die Digitalisierung und die mit ihr einhergehenden Möglichkeiten des orts- und zeitungebundenen Arbeitens und Zusammenarbeitens zu einem Verschwimmen der Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben führen. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem Segmentations-Integrations-Kontinuum. Dabei bezeichnet eine komplette Segmentation eine strikte Trennung von Arbeit und Privatleben und eine komplette Integration eine vollständige Vermischung dieser beiden Lebensbereiche.

    Durch eine ständige Erreichbarkeit respektive durch die Möglichkeiten neuer Technologien kann es Eltern besser gelingen, ihre familiären und beruflichen Aufgaben zu bewältigen und zu organisieren. Zum Beispiel kann man auf dem Weg zur Arbeit schon mal seine Mails und die elektronische Agenda checken und fühlt sich besser auf den Arbeitsalltag vorbereitet. Das funktioniert auch in die andere Richtung – Eltern sind bei der Arbeit erreichbar und ansprechbar für die Personen, die während der Arbeitszeit die Kinderbetreuung übernehmen.

    Durch die Auflösung der Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben sind Personen jedoch unter Umständen ständig mit Herausforderungen aus allen Lebensbereichen konfrontiert, was Stress bedeuten und zu Konflikten führen kann.

  • Was müssen Unternehmen machen, um die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu fördern? Inwieweit können Experimentierräume hier behilflich sein?

    Rebecca Brauchli: Es ist wichtig, dass Mitarbeitende sich erholen können. Zudem ist es sowohl im Interesse des einzelnen Mitarbeitenden und des Umfelds als auch im Interesse des Unternehmens, dass Mitarbeitende gesund und leistungsfähig sind und bleiben. Das heißt, Mitarbeitende haben ein Recht darauf, nicht erreichbar zu sein. Nun nutzt dieses Recht wenig, wenn es nicht mit der Team- und Unternehmenskultur korrespondiert. Wenn beispielsweise explizite und implizite Erwartungen bestehen, dauererreichbar zu sein. Und gerade hier können Experimentierräume hilfreich sein, um für Mitarbeitende, Teams und Unternehmen die passenden Lösungen zu der Fragestellung zu generieren, wie mit den Herausforderungen der Digitalisierung umgegangen werden kann.