Wir müssen Mythen rund um die Zukunft der Arbeit enttarnen

  • Warum ist es wichtig, sich als Thinktank mit der Zukunft der Arbeit zu befassen?

    Dr. Nese Sevsay-Tegethoff: Die Arbeitswelt verändert sich aufgrund der technologischen Möglichkeiten rasant. Unvorhersehbare Umbrüche – oder wie es heute heißt: disruptive Innovationen – durch neue digitale Geschäftsmodelle verdrängen bisherige Strukturen. Wir müssen jetzt die Rahmenbedingungen für den digitalen Wandel gestalten. Thinktanks können dazu einen entscheidenden Beitrag leisten, indem sie die aktuellen Entwicklungen erklären und die öffentliche Diskussion über brisante Fragen anstoßen. In vielen Debatten liegt der Fokus jedoch vor allem darauf, welche wirtschaftlichen und politischen Anstrengungen nötig sind, um Deutschland als leistungsfähige Industrienation gut aufzustellen. Was dabei zu kurz kommt, ist der Blick auf das große Ganze: Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen auf unsere Gesellschaft? Für uns als Beschäftigte im Roman Herzog Institut ist es wichtig, Querverbindungen herauszuarbeiten und Fragen zu stellen, die sonst kaum einer stellt. Denn bei allem Optimismus scheint auch eine gesunde Skepsis geboten.

    Prof. Randolf Rodenstock: Als Thinktank wollen wir das Vor-, Nach- und Querdenken zu gesellschaftlich relevanten Themen institutionalisieren. Ich halte es für unerlässlich, Mythen zu enttarnen, die rund um die Zukunft der Arbeit kursieren. Daran hat sich in den über 15 Jahren, seit ich das Institut gegründet habe, nichts geändert. Denn gefühlte Wahrheiten hindern uns oft daran, die aktuellen Entwicklungen zu verstehen. Faktenwissen ist entscheidend in einer Zeit, die von Fake News und Panikmache geprägt ist. Wir wollen den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft fundiertes Wissen an die Hand geben, das sie für ihre Meinungsbildung nutzen können. Ein besonderes Merkmal unserer Arbeit ist die interdisziplinäre Herangehensweise, mit der wir die Vielschichtigkeit der Themen aufzeigen und ganzheitliche Sichtweisen entwickeln. Wie hängen beispielsweise unser Werteverständnis, Fragen der Freiheit und der Gerechtigkeit mit der Zukunft der Arbeit zusammen?

  • Wie sehen die Ängste mit Blick auf die düsteren Prognosen zur Zukunft der Arbeit(swelt) aus? Worauf stützen sie sich? Wie kann diesen Ängsten begegnet werden?

    RR: Teilweise sind es Befürchtungen, die bereits in den 1950er Jahren im Kontext der Computerisierung und Automatisierung vorgebracht wurden – etwa die Angst, dass mit den neuen Techniken ganze Berufsgruppen aussterben und der Wandel veränderte Beschäftigungsformen mit sich bringen wird. Die Sorgen sind verständlich, denn niemand weiß genau, welche Veränderungen in der Arbeitswelt durch die Digitalisierung noch auf uns zukommen werden. Die Angst vor dem Ungewissen darf aber nicht zu einer Lähmung führen. In den Führungsetagen der Unternehmen und in der Gesellschaft allgemein braucht es mehr Aufbruchsstimmung und einen positiven Spirit, um die Scheu vor den neuen Technologien zu überwinden.
     
    NST: In einem aktuellen Projekt befassen wir uns momentan mit den Ängsten der Mittelschicht. Überraschend ist für uns, dass man sich weniger um die eigene materielle Lage als allgemein um die Situation Deutschlands sorgt: Kriminalität, Zuwanderung, aber auch der Verlust bürgerlicher Rechte und Freiheiten und der Strukturwandel sorgen für Verunsicherung. Diese Entwicklungen müssen wir genau beobachten, weil sie die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflussen. Es ist wichtig, mit belastbaren Argumenten deutlich zu machen, dass den komplexen gesellschaftlichen Veränderungen in einer globalisierten Welt nicht mit Abschottungstendenzen oder Populismus begegnet werden kann.

  • Welche Rolle spielt das Experimentieren in der Arbeitswelt von morgen?

    RR: Von uns allen ist künftig mehr Bereitschaft gefordert, sich auf Veränderungen und Risiken einzulassen. Denn wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, die wir in ihrer Dynamik und in ihren Auswirkungen noch nicht abschätzen können. Umso mehr wird es darauf ankommen, Bewährtes in Frage zu stellen, Neues zu erproben und Versuch und Irrtum zuzulassen. Als Naturwissenschaftler bin ich davon überzeugt, dass Experimente ein Motor für Erkenntnis und Fortschritt sind. Sie sorgen für die systematische Erzeugung von Erfahrung. Das Motto des Roman Herzog Instituts heißt nicht zufällig "In Deutschland neu denken". Wir halten mutige, innovative, auch experimentelle Denkansätze für notwendig, um Deutschland voranzubringen.

    NST: Wir müssen uns bewusst sein, dass es keine einfachen Lösungen für die komplexen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen gibt, mit denen wir konfrontiert sind. Entscheidend ist der Wille, sich in einem sich ständig wiederholenden Prozess um kontinuierliche Weiterentwicklung zu bemühen. Neues entsteht immer im Wettstreit mit Altem. Nur wenn wir unsere Komfortzone verlassen, können wir im Wettbewerb um Spitzentechnologie bestehen.