Führen lassen!

In Vorbereitung auf die Arbeitswelt von morgen wird nach besserer Führung gerufen. Der Ruf ist nicht falsch, einige Antworten darauf aber problematisch.

Standardantwort 1: Führung braucht neue Prinzipien

Neue Leitlinien sollen die Führungsmannschaft auf ein Ziel gelebter Führung einschwören. In der Realität bewirken diese „Leadership Principles“ oft das Gegenteil: Die Prinzipien bleiben abstrakt, widersprechen sich oder sind so fernab des operativen Geschäfts, dass sie eher Irritation denn konkrete Orientierung schaffen. So verkommen sie zur reinen Außendarstellung, die das eh schon stark belastete mittlere Management mit Heldenerzählungen unter Druck setzt.

Standardantwort 2: Führung ist Sache der Vorgesetzten

Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass es Sache der Vorgesetzten sei, bei Bedarf richtungsweisend zu wirken. Doch Organigramme verraten meist wenig darüber, wer wirklich in Führung geht. Dafür braucht es nämlich entweder Führungsmittel wie die Entscheidungsmacht über Ressourcen, Arbeitsbedingungen oder Karrierewege – und damit ist das mittlere Management meist nur sehr knapp ausgestattet - oder aber es braucht die beste Idee, wie man in der konkreten Situation vorankommt. Und warum sollten diese Ideen immer und überall vom Vorgesetzten kommen?

Was also tun?

Führung ernst nehmen heißt, sich nicht in wohlklingenden Prinzipien zu verlieren, sondern konkret über Strukturbedingungen nachzudenken, die gute Führung ermöglichen. Zum Beispiel: dem mittleren Management situativ Eskalationsmöglichkeiten anbieten, wenn es bei Konflikten in der Matrix-Organisation zwischen den Stühlen hängt, und so Kapazitäten für nötige Führung freiräumen. Oder Ausschau danach halten, wo häufig ad hoc organisationale Feuer gelöscht werden müssen. Hier kann es z. B. sinnvoll sein, Brandherde durch grundsätzliche Strukturentscheidungen auszukühlen.

Es gilt also zu überlegen: Wie gestalten wir unsere Strukturen so, dass Vorgesetzte das Notwendige entscheiden können, aber nicht immer und überall führen müssen? Und wie sorgen wir dafür, dass Führung auch außerhalb der Chefetage möglich wird?