Prof. Dr. Hermann Hill über Innovationen in der öffentlichen Verwaltung.

  • Wie sieht Innovation in der öffentlichen Verwaltung aus, auch im Vergleich zu Innovation in der Wirtschaft? Welche Chancen bietet Innovation konkret für die öffentliche Verwaltung?

    Hermann Hill: Öffentliche Verwaltungen agieren nicht am Markt. Sie sind deshalb auch nicht einem unmittelbaren Wettbewerb ausgesetzt und müssen nicht laufend neue Produkte entwickeln oder Geschäftsmodelle ändern. Dennoch verändert sich auch ihr Umfeld ständig, etwa durch die Digitalisierung, aber auch durch Turbulenzen in den Handlungsfeldern. Deshalb sind auch sie gezwungen, sich anzupassen und ihr Handlungsrepertoire zu erweitern. Insbesondere werden sie von den Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger sowie der Mitarbeitenden herausgefordert, ihre Serviceangebote und Führungsmethoden weiterzuentwickeln. Die agile Reaktion auf ein sich änderndes Umfeld bietet dabei die Chance, das Vertrauen in den Staat und seine Lösungskompetenz zu erhalten und zu fördern.

  • Was muss sich bezüglich Innovationen in der öffentlichen Verwaltung in den nächsten Jahren ändern? Warum gestaltet sich die Umsetzung von Innovation für den öffentlichen Sektor besonders schwierig?

    Hermann Hill: Die öffentliche Verwaltung wird im Vergleich zur Privatwirtschaft durch einen besonderen Rechtsrahmen gesteuert und kontrolliert, der dem Schutz und der Wahrung der Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger sowie der Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit des Staatshandelns dient. Dieser Rechtsrahmen wird aus den Erfahrungen der Vergangenheit gewonnen und soll zukünftige Verhaltensweisen anleiten, programmieren und gestalten. Dabei ist die Zukunft aber nur begrenzt vorhersehbar, vor allem einzelne Situationen und die (Re-)Aktionen der betroffenen Menschen variieren. Daher kann dieser Rechtsrahmen nie alle Fallgestaltungen im Einzelnen vorentscheiden, sondern nur allgemeine Regeln und Prinzipien vorgeben. Dies lässt Spielräume für situationsgerechte Entscheidungen, die von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Verwaltung eigenverantwortlich zur gesetzesgeleiteten Konkretisierung des Gemeinwohls genutzt werden müssen. In diesem Rahmen sind auch Innovationen gefordert, um dem Wandel der Verhältnisse gerecht zu werden.

  • Welche Chancen bieten Experimentierräume für den öffentlichen Sektor?

    Hermann Hill: Experimentierräume bieten die Chance, „die Zukunft zu erproben“ und für Herausforderungen gemeinsam mit den betroffenen Stakeholdern neue vorläufige Lösungen („Prototypen“) zu entwickeln, die funktionsfähig sind und Wirkung zeigen.

    Diese können dann im weiteren Verfahren angepasst und optimiert werden. Soweit entsprechende Experimente an rechtliche Grenzen und traditionelle Ordnungsmuster stoßen, sollte geprüft werden, inwieweit regulatorische Ausnahmeregelungen und Standardbefreiungsvorschriften erlassen werden können, die Experimentierräume zulassen und fördern sowie die Möglichkeit schaffen, daraus zu lernen.