Vier Fragen an Prof. Dr. Carsten Schermuly von der SRH Hochschule Berlin

  • Warum kann psychologisches Empowerment dazu beitragen, die digitale Transformation in Unternehmen zu bewältigen?

    Prof. Dr. Carsten Schermuly: Psychologisches Empowerment besteht aus vier Komponenten. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die hohes psychologisches Empowerment empfinden, erleben viel Bedeutsamkeit, Selbstbestimmung, Einfluss und Kompetenz in ihrem Beruf. Diese vier Komponenten ergeben ein besonderes Gefühl gegenüber der Arbeitsrolle, was von starker Proaktivität und intrinsischer Motivation geprägt ist. Im Rahmen der Digitalisierung kommt es in vielen Arbeitsbereichen zu einem dramatischen Wissenszuwachs und hoher Komplexität. Darüber hinaus müssen Probleme in Teamstrukturen und mit erhöhter Kreativität gelöst werden. Bei solchen Herausforderungen reagieren empowerte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schneller und verhalten sich innovativer. Zusätzlich sind sie zufriedener mit ihrer Arbeit und fühlen sich stärker an das Unternehmen gebunden. Da Fachexperten wie Informatiker und Ingenieure in der gerade stattfindenden digitalen Transformation besonders schwer zu ersetzen sind, ist die niedrigere Fluktuationsrate eine besonders wichtige Konsequenz von psychologischem Empowerment. In Längsschnittstudien konnte ich mit meinem Team darüber hinaus nachweisen, dass psychologisch empowerte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weniger emotional erschöpft und weniger depressiv sind. Psychologisches Empowerment fördert also auch die psychische Gesundheit.

  • Welche neuen Anforderungen ergeben sich daraus für Führungskräfte?

    Prof. Dr. Carsten Schermuly: Es existieren einige Organisationsansätze wie z. B. die Holokratie, die im Rahmen der Digitalisierung ganz ohne Führungskräfte auskommen wollen. Soweit werden aber die meisten Unternehmen nicht gehen müssen und können. Es ist aber ein anderes Selbstverständnis von Führung notwendig, um das psychologische Empowerment der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu stimulieren. Die Abkehr von Kontrolle und Hierarchie ist wichtig. Hierarchiedenken und Kontrolle sollten durch eine Führungshaltung ersetzt werden, die auf Augenhöhe und Vertrauen Wert legt.

    Ein Führungsstil, der sich an der Förderung von psychologischem Empowerment orientiert, ist außerdem durch Partizipation und Sinnstiftung geprägt. Solche Führungskräfte lassen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern viel Freiraum und ermöglichen ihnen Beteiligung, während sie gleichzeitig ihren Teammitgliedern helfen zu verstehen, warum eine Arbeitsaufgabe wichtig ist. Weiterhin ist die individuelle Berücksichtigung wichtig. Führungskräfte sind, wenn sie empowermentorientiert führen, Experten für die individuellen Kompetenzen und Bedürfnisse ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und berücksichtigen diese bei ihren Entscheidungen.

    Ein wichtiger Punkt darf aber nicht vergessen werden. Psychologisches Empowerment ist ansteckend. Nur Führungskräfte, die selbst psychologisches Empowerment erleben, werden bei ihren Mitarbeiter mehr Empowerment auslösen können. Nur wer sich selbst als mächtig erlebt, kann andere ermächtigen.

  • Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter konkret stärken?

    Prof. Dr. Carsten Schermuly: Das kann über verschiedene Wege funktionieren. Eine professionelle Personalauswahl hilft, dass die richtigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf dem richtigen Platz sitzen und sich kompetent fühlen. Die Personalentwicklung unterstützt dabei, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit den neuen Freiräumen, die die Digitalisierung den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bringen kann, gut und gesund zurechtkommen. Die Förderung einer Kultur für Empowerment hilft, dass die Kolleginnen und Kollegen erleben, dass Kompetenz, Bedeutsamkeit, Selbstbestimmung und Einflussnahme wichtige Werte für die Organisation sind. Und dann gibt es zahllose Arbeitsgestaltungsmaßnahmen wie z. B. die Einführung von agilen Teams, Labdays, Arbeitszeit- oder Arbeitsortautonomie, die bei der Förderung behilflich sein können.

    Die größten Effekte erreicht ein Unternehmen aber über das Ausmaß an Vertrauen, was es seinen Leuten entgegenbringt.

  • Warum sind Experimentierräume das richtige Instrument, Formen des psychologischen Empowerments zu erproben?

    Prof. Dr. Carsten Schermuly: Psychologisches Empowerment kann zunächst einmal ein Ansatz sein, um die Wirksamkeit der Experimentierräume zu prüfen. Psychologisches Empowerment lässt sich relativ einfach mit einem standardisierten Fragebogen messen. So ist es möglich, zu prüfen, wie es um das Erleben von Bedeutsamkeit, Kompetenz, Selbstbestimmung und Einfluss der Mitarbeiter vor und nach der Arbeit in einem Experimentierraum bestellt ist. Im idealen Fall gibt es noch eine Kontrollgruppe, deren Arbeit sich nicht verändert hat und man kann nachweisen, dass der Experimentierraum die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tatsächlich ermächtigt hat.

Weiterführende Literatur:

Schermuly, C. C. (2016). New Work - Gute Arbeit gestalten: Psychologisches Empowerment von Mitarbeitern. Freiburg: Haufe.