Mensch-Maschine-Zusammenarbeit setzt Akzeptanz voraus

  • Wie kann sich die Digitalisierung auf die Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auswirken? Was sollten Arbeitgeber und Arbeitnehmer beachten?

    Britta Kirchhoff: Die Digitalisierung von Arbeitsprozessen und die Einführung neuer Technologien verändern Arbeitsaufgaben. Diese Veränderungen sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht alle vollumfänglich vorauszusehen. Gerade in dieser Zeit des teilweise unbestimmten Wandels ist es wichtig, etablierte Kriterien menschengerechter Arbeitsgestaltung als Bewertungsmaßstab heranzuziehen. So ist es beispielsweise aus der Perspektive des Arbeitsschutzes nicht hinnehmbar, dass durch die Automatisierung von Prozessen für Beschäftigte nur schlecht gestaltete Resttätigkeiten übrig bleiben, die zum Beispiel zu Monotonieerleben und damit zu psychischer und körperlicher Beanspruchung führen können. Gleichzeitig kann der flexible Einsatz kollaborativer Roboter bei guter Gestaltung auch zur Entlastung von nicht ergonomischen Aufgabenbestandteilen wie der Überkopfarbeit führen.

  • In Arbeitsprozessen werden zunehmend digitale Assistenzsysteme implementiert. Welche Vorteile bringt der Einsatz und worauf muss hierbei geachtet werden?

    Britta Kirchhoff: Digitale Assistenzsysteme können Beschäftigte bei guter Gestaltung passgenau unterstützen. Der Einsatz kann sinnvoll sein, wenn Aufgaben sehr komplex sind oder viele Informationen zu einzelnen Arbeitsschritten benötigt werden. Hier können digitale Hilfsmittel nach individuellem Bedarf Informationen darstellen oder auch Handlungsschritte vorschlagen. Auch das Erlernen neuer Aufgaben kann durch digitale Assistenzsysteme erleichtert werden. Beschäftigte können somit im Sinne einer lernförderlichen Arbeitsgestaltung bei der Bewältigung neuer Herausforderungen unterstützt werden und neue Kompetenzen erwerben. Bedingung dafür ist, dass bei der Implementation digitaler Assistenzsysteme individuelle Eigenschaften der Beschäftigten berücksichtigt werden. So ist bei der Darbietung von Informationen darauf zu achten, dass diese durch die Beschäftigten verarbeitet werden können. Ein Überangebot kann hier zu einer mentalen Überforderung führen.

  • Was muss bei der Mensch-Maschine-Kollaboration beachtet werden?

    Britta Kirchhoff: Menschen interagieren zunehmend enger mit Maschinen wie kollaborativen Robotern. Sind Leistung und Kraft von Robotern begrenzt und werden biomechanische Grenzwerte eingehalten, kann auf die klassischen Schutzzäune verzichtet werden. Bearbeiten Mensch und Roboter gleichzeitig ein Werkstück, kann dies als Kollaboration – die engste Form der Mensch-Maschine-Interaktion – bezeichnet werden. Daneben gibt es weitere Interaktionsformen: Kreuzen Transportroboter von Zeit zu Zeit den Weg von Beschäftigten, wird dies als Koexistenz definiert. In beiden Fällen wirkt sich die Gestaltung eines Roboters nicht nur auf die Sicherheit, sondern auch auf die psychische Beanspruchung von Beschäftigten aus. Gestaltungselemente wie Lichtsignale können beispielsweise den aktuellen Status eines Roboters vermitteln und dem Menschen dabei helfen, seine Aktionen vorherzusehen. Ein kollaborativer Roboter in der Produktion kann so beispielsweise über seine aktuelle Auslastung informieren, ein Transportroboter über die Absicht abzubiegen. Das erleichtert es dem Menschen, die Maschinen in seinem Umfeld zu verstehen, und trägt zur Akzeptanz bei, die es braucht, damit Mensch und Maschine zusammenarbeiten können.

  • Wie können Experimentierräume genutzt werden, um digitale Assistenzsysteme in Unternehmen zu implementieren?

    Britta Kirchhoff:Experimentierräume ermöglichen das Erproben unterschiedlicher digitaler Assistenzsysteme und helfen bei der Auswahl und Entscheidung über mögliche Einsatzgebiete. Denn bei Assistenzsystemen wie zum Beispiel Datenbrillen ist sowohl die Passung der Technologie zur Aufgabe als auch zu den Beschäftigten essentiell, um positive Auswirkungen auf die menschengerechte Arbeitsgestaltung und auch die Leistung erzielen zu können. Die Akzeptanz für ein Assistenzsystem kann unter anderem durch dessen Trageeigenschaften, die Gebrauchstauglichkeit oder die erwartete Nützlichkeit beeinflusst werden. Experimentierräume erlauben es Beschäftigten, sich mit einzubringen und etwa eine für ihren Bedarf passende Datenbrille auszuwählen. Eine arbeitswissenschaftliche Begleitung kann zudem aufzeigen, ob das digitale Assistenzsystem tatsächlich den erwarteten Nutzen – beispielsweise hinsichtlich einer Optimierung der Beanspruchung von Beschäftigten – bringt. Zudem können neue wissenschaftliche Erkenntnisse bezüglich der Langzeitwirkungen von Assistenzsystemen im Sinne einer langfristig ohne gesundheitliche Schäden ausführbaren Arbeit generiert werden.