Neues Arbeiten braucht neue Führung

Die Anforderungen an moderne Führung sind enorm: Führungskräfte müssen gleichzeitig inhaltliche Experten, geniale Innovatoren, Motivatoren, Projekt- und Change-Manager, Coaches, Personalentwickler und Visionäre sein. In unserer Beratungspraxis sehen wir zunehmend, dass durch die Überfrachtung der Rolle eine Komplexität entsteht, die für Führungskräfte nicht mehr beherrschbar ist. Der entstehende Druck und Fehler gehen zu Lasten der Person und auch der Organisation.

Die Rolle von Führung muss darum neu gedacht werden. In dynamischen Kontexten müssen alle Mitglieder einen Teil der Führungsverantwortung übernehmen, z. B. durch Treffen selbständiger Entscheidungen auf allen Ebenen. Das stellt neue Anforderungen an alle Organisationsmitglieder und erfordert einen neuen Rahmen: Ein Klima gegenseitigen Vertrauens und die explizite Erlaubnis, Entscheidungen zu revidieren, ("psychological safety") sind wichtige Voraussetzungen. Dazu braucht es klare Prozesse, die Führungsarbeit stärker strukturieren und sie dadurch erleichtern, z. B. eindeutige Entscheidungsregeln oder standardisierte Meetingabläufe, wie in der Holokratie.

Unsere eigene Beratungsorganisation führen wir explizit vertrauensbasiert und mit dem Anspruch, ein Labor für neuartige Zusammenarbeit zu sein. Wir arbeiten z. B. auf Basis von Absprachen statt Verträgen, jeder teilt Arbeitszeiten frei ein, wir treffen Entscheidungen gemeinsam, auch Mitarbeiter sind Gesellschafter und erhalten Zugriff auf zentrale Entscheidungen, wir legen unsere Beratungskapazitäten zu Beginn jeden Jahres gemeinsam fest, statt sie zu maximieren. Dabei entwickeln wir unser Organisationsmodell stetig weiter. Zurzeit stellen wir uns auf soziokratische Steuerung um, um Entscheidungen weiter zu dezentralisieren und Arbeit effizienter und fairer zu verteilen.

Und noch einen Punkt haben wir dabei gelernt: Gemeinsame Veränderungen und geteilte Verantwortung funktionieren nur dann, wenn alle Beteiligten bereit sind, die Masken abzunehmen. Wenn alle sich als ganze Person zeigen und in echten zwischenmenschlichen Kontakt miteinander treten. Das öffnet Raum für Konflikte und ist anstrengend. Aber nur so entsteht Vertrauen und kann man gemeinsam wirksame Veränderung vorantreiben – bei aller Digitalisierung und Vernetzung.