Menschen müssen lernen, häufiger 'um die Ecke' zu denken

  • 1. Wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus? Welche Rahmenbedingungen müssen heute dafür geschaffen werden?

    Andreas Schiel: Insbesondere die Fähigkeit zum Umgang mit komplexen Problemen, also mit solchen Zusammenhängen, die nicht nach Anleitung erledigt werden können, wird deutlich wichtiger werden. Routinevorgänge werden automatisiert; die Menschen müssen dagegen lernen, noch weitaus häufiger 'um die Ecke', also über Fach- und Zuständigkeitsgrenzen hinaus zu denken und ein feineres Sensorium für zwischenmenschliche und kommunikative Fragen entwickeln.

    Wenn die organisationalen Rahmenbedingungen stimmen, muss das aber keine Überforderung darstellen. Das A und O ist hier die Etablierung einer vertrauensvollen Atmosphäre in Unternehmen, zwischen Geschäftspartnern und in Kundenbeziehungen. Das senkt die Transaktionskosten enorm und ermöglicht erst die produktive Zusammenarbeit autonom agierender Wissensarbeiter(innen).

  • 2. Wie demokratisch können Experimentierräume gestaltet werden?

    Andreas Schiel: Hier gibt es kein Limit nach oben, wenn man Demokratie nicht mit Führungslosigkeit und Chaos verwechselt. Es existieren bereits zahlreiche Methoden, die effiziente und effektive Entscheidungen auch in Unternehmen ermöglichen, die am Markt bestehen müssen. Solche Ansätze der Selbstorganisation dürfen auch nicht auf Experimentierräume beschränkt bleiben. Denn sie geben Mitarbeiter(inne)n die Freiheit, die komplexen Probleme der Zukunft selbstständig zu lösen – und damit weitaus adäquater auf sich schnell verändernde Herausforderungen zu antworten, als das nach traditionellen Führungsmodellen möglich ist.

  • 3. Wie wichtig ist es bei der Digitalisierung von Unternehmen, die Mitarbeiter zu beteiligen? Und in welchen Formaten?

    Andreas Schiel: Eine umfassende (Mit-)Gestaltung von Digitalisierungsprozessen durch die Belegschaft von Unternehmen ist nicht nur wichtig, sondern unverzichtbar. Technische Neuerungen, die nicht angenommen werden, können ihr Potenzial im Arbeitsalltag nicht entfalten. Auch fehlt dann das kritische und kompetente Urteil der Mitarbeiter(innen), um sinnvolle Lösungen auszuwählen und richtig zu adaptieren.