Die Zukunft ist ungewiss, aber gestaltbar

Warum wir eine regelmäßige Arbeitsweltberichterstattung brauchen
17.07.2017

Die Arbeitswelt befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Wandel. Zu den zentralen Treibern der Veränderung gehören die Digitalisierung und neue Trends in der Globalisierung, aber auch demografische Veränderungen und der Wertewandel bei Arbeitnehmern.

Auch wenn diese Trends relativ klar erkennbar sind, bleiben Richtung und Folgen des Wandels vielfach noch nicht im Detail absehbar, vor allem was die Entwicklung der betrieblichen Arbeitswelt betrifft. Einiges ist offenkundig, etwa die wachsende Bedeutung der Qualifizierung und Weiterbildung im Verlauf des Erwerbslebens. Anderes zeichnet sich weniger deutlich ab oder ist mehrdeutig.

Im Rahmen der Plattformökonomie entwickeln sich beispielsweise völlig neue Geschäftsmodelle und mit diesen auch neue Erwerbsformen. Ungewiss ist aber, ob dies unsere Wirtschaftsstruktur und unsere Arbeitswelt grundlegend verändern wird oder ob es sich dabei eher um ein Randphänomen handelt.

So geht die Solo-Selbständigkeit in Deutschland seit 2012 zurück. In den USA steigt sie hingegen beständig an – allerdings in vielen Bereichen völlig ohne digitale Treiber.

Big Data-Anwendungen und Künstliche Intelligenz, Machine Learning und Automatisierung haben das Potenzial, viele herkömmliche Tätigkeiten zu ersetzen. Aber welche Beschäftigtengruppen werden hiervon betroffen sein?

Werden die Geringqualifizierten Opfer dieser Entwicklung? Oder kommen verstärkt mittlere Lohngruppen unter Druck? Müssen wir also eine Polarisierung des Arbeitsmarktes befürchten?

Dies sind anspruchsvolle Fragen, die sich nicht alle abschließend beantworten lassen. Aber der Dialogprozess "Arbeiten 4.0" hat gezeigt, dass bereits ein großer Fundus an Wissen besteht. In den zahlreichen Analysen, Expertisen und Expertendialogen konnten wir feststellen, dass viele Institutionen hier bereits exzellente Arbeit leisten. Die Analysen des IAB und der BAuA möchte ich ausdrücklich erwähnen, aber auch die des Bundesinstituts für Berufsbildung. Die universitäre Forschung ist auf dem Feld ebenso engagiert wie die Forschungsinstitute, einschließlich der wissenschaftlichen Institute der Sozialpartner.

Das BMAS hat ergänzende Expertise im Rahmen unserer Ressortforschung beauftragt und fördert inzwischen auch zusätzliche Themen im Rahmen unseres Fördernetzwerks Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung.

Was es aus meiner Sicht bei all dieser ausgezeichneten Forschung aber noch fehlt: dass auch systematisch und analytisch zusammengebunden wird, was im weiten Feld zwischen makroökonomischer Prognose und Betriebsstudien an Erkenntnissen zusammengetragen wird.

Deshalb haben wir im Weißbuch "Arbeiten 4.0" eine regelmäßige öffentliche Arbeitsweltberichterstattung vorgeschlagen – unter enger Beteiligung der Wissenschaft und der Sozialpartner.

Wir sind überzeugt, dass sowohl Wissenschaft als auch betriebliche Praxis eingebunden werden müssen, um ein gutes Verständnis für die Arbeitswelt von morgen und den möglichen Handlungsbedarf zu gewinnen.

Wir sehen eine Arbeitsweltberichterstattung auch als Teil einer Agenda für eine "lernende Arbeitspolitik". Denn nicht nur "Arbeit" auch Arbeitspolitik muss agiler werden.

Ein Beispiel sind betriebliche Lern- und Experimentierräume, in denen Veränderungen in der Arbeitswelt erprobt werden können und zwar sozialpartnerschaftlich vereinbart, beteiligungsorientiert umgesetzt und wissenschaftlich begleitet.

Dazu haben wir auch eine Praxis- und Transferplattform freigeschaltet, auf der Unternehmen und Verwaltungen ihre Lern- und Experimentierräume präsentieren und sich austauschen können.

All dies verstehen wir als Bausteine einer lernenden Arbeitspolitik.

Grundlage dafür ist, den Wandel der Arbeitswelt regelmäßig wissenschaftlich zu beobachten. Gemeinsam mit wichtigen Akteure der Forschung entwickeln wir deshalb zentrale Fragen für eine regelmäßige Berichterstattung zum strukturellen Wandel der Arbeitswelt in der Praxis. Denn eine lernende Arbeitspolitik braucht eine wissenschaftlich fundierte Orientierung.