Demokratie und Gemeinwohl als Unternehmensprinzip

Die praemandatum GmbH mit Sitz in Hannover bietet Beratung, Weiterbildung, Prüfungen und technische Lösungen rund um das Thema Datenschutz. Geschäftsführer Peter Leppelt legte bereits bei der Gründung ein ungewöhnliches Ziel für das Unternehmen fest: Zweck aller Produkte und Dienstleistungen soll der Schutz der Grund- und Freiheitsrechte sein, das Unternehmen insgesamt dem Gemeinwohl dienen. Gewinn und Wachstum sind nur zur Erfüllung dieses Zieles erlaubt, als Selbstzweck aber ausgeschlossen. Um dieses Prinzip festzuhalten und die internen Strukturen entsprechend zu gestalten, hat das Unternehmen seit 2014 mit der Satzung "principia praemandatum" verbindliche Unternehmensleitlinien. Darin sind demokratische Strukturen, Vorgaben für die Auswahl von Aufträgen und ein einheitliches Gehalt für alle Mitarbeitenden festgeschrieben. Aktuell wird die principia überarbeitet – unter intensiver Einbeziehung aller Beschäftigten.

Die praemandatum GmbH hat in Hannover den Preis "Demokratischer Ort 2018" verliehen bekommen.

Leitlinien, um das Ziel nicht aus dem Blick zu verlieren

2013 – als das Thema Datenschutz nicht zuletzt dank Edward Snowden in aller Munde war – wuchs die praemandatum GmbH rasant. Innerhalb eines Jahres wurde aus dem Kleinstunternehmen mit vier Personen ein Betrieb mit 29 Mitarbeitenden. Gründer und Geschäftsführer Peter Leppelt sah die Notwendigkeit, das ihm wichtige Unternehmensziel zum einen schriftlich festzuhalten und zum anderen mit entsprechenden Strukturen zu untermauern. Er erarbeitete einen Entwurf der Unternehmensleitlinien, die principia praemandatum, die dann auf dem Teamverteiler diskutiert, erheblich verändert und dann gemeinschaftlich beschlossen wurde.

(Ab-)Wahl von Führungskräften, paritätisches Gehalt, Ausschluss bestimmter Aufträge

Die principia regelt detailliert die Zusammenarbeit im Unternehmen und schreibt beispielsweise fest, dass Führungskräfte inklusive der Geschäftsführung von 75 Prozent (in der überarbeiteten principia 2018 wird bereits eine Zweidrittelmehrheit genügen) der Beschäftigten abgewählt werden können. Auch alle anderen für das Unternehmen relevanten Entscheidungen werden demokratisch unter Einbeziehung aller Mitarbeitenden getroffen, die so als eine Art Aufsichtsrat fungieren. Insgesamt setzt praemandatum auf projektbezogene statt personengebundene Hierarchien und auf agile Teamstrukturen. Ein weiterer wichtiger Aspekt der principia ist ein einheitlicher Stundenlohn für alle Beschäftigten. Wie sich dieser errechnet, ist – ebenso wie alle anderen Finanzdaten – für die Mitarbeitenden einsehbar. Dabei wird bewusst in Kauf genommen, dass hoch qualifizierte und spezialisierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegebenenfalls weniger verdienen, als in der Branche üblich ist. Andererseits verpflichtet sich die Geschäftsführung, für dynamische und abwechslungsreiche Aufgaben zu sorgen. Hierauf wird beim Einstellungsprozess transparent hingewiesen, um gezielt Personen einzustellen, die diesen Ansatz unterstützen.

Gleichzeitig legt die principia auch Aspekte für den Umgang mit Kundinnen und Kunden sowie mit deren Anfragen fest. Alle Produkte und Dienstleistungen sollen der Stärkung der Grund- und Freiheitsrechte und somit der Gesellschaft als Ganzes dienen. Aufträge, deren Erfüllung diesem Ziel widersprechen und beispielsweise dem Missbrauch von Daten dienen könnten, sollen abgelehnt werden. In der Praxis führt diese Bestimmung oft zu Diskussionen, denn auch hierbei sind die Mitarbeitenden eingebunden und entscheiden gemeinsam über Annahme oder Ablehnung kritischer Aufträge.

Partizipativer Prozess: Die Überarbeitung der principia

Die Erfahrungen mit den ungewöhnlichen Strukturen und Prozessen sind insgesamt positiv. Mit der Zeit fiel jedoch auf, dass einige Formulierungen und Regelungen konkretisiert werden mussten. Außerdem erschien es notwendig, die principia nach drei Jahren mit der aktuellen Unternehmensrealität und den sich wandelnden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abzugleichen. Daher startete vor einem Jahr ein Prozess zur Aktualisierung. Hierfür fand sich ein Arbeitskreis zusammen, der Stück für Stück einzelne Abschnitte aus der principia überarbeitete und sie der restlichen Belegschaft zur Diskussion stellte. Dabei wurde unter anderem der Abschnitt zum Thema Wahlen konkretisiert und ein Bonifikationssystem für besondere Leistungen festgelegt, das jedoch nicht das Grundprinzip des Einheitsgehaltes infrage stellen soll. Die überarbeitete Version wird nun per geheimer Wahl zur Abstimmung gestellt und muss von mindestens 75 Prozent der Beschäftigten angenommen werden. Auch in Zukunft soll die principia als "lebendiges" Dokument betrachtet werden, das aufgrund von Erfahrungen und Anregungen der Mitarbeitenden kontinuierlich angepasst wird – ohne dabei an Verbindlichkeit zu verlieren.

Die praemandatum GmbH ist Teil des Forschungsprojektes "New Work" des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (Fraunhofer IAO).