Teilhabe 4.0: IT-Lösungen unterstützen Menschen mit Sehbehinderung im Arbeitsalltag

Das 1989 gegründete Ingenieurbüro Dräger & Lienert entwickelt inklusive IT-Systeme zur Rehabilitation von Menschen mit Sehbehinderung. Ziel dieser digitalen Lösungen ist es, die Kommunikation zwischen sehbehinderten und nicht sehbehinderten Beschäftigten zu fördern und Menschen mit Handicap dabei zu unterstützen, eigenständig die jeweils erforderlichen Arbeitsprozesse auszuführen. Dabei sind vernetzte und rechnergestützte Anwendungen bedeutsam, die für Blinde nicht oder schwer zugängliche IT-Systeme nutzbar machen. Doch Dräger & Lienert entwickelt nicht nur Produkte für den Verkauf. Aufgrund der Beschäftigung sehbehinderter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unternehmen und der Tatsache, dass der Geschäftsführer blind ist, müssen auch intern Lösungen zur Inklusion erarbeitet werden. So wird das Unternehmen selbst oft zu einem Referenzbeispiel für die eigenen Produkte. Die Digitalisierung ist dabei Chance und Herausforderung zugleich.

Mut zum Experimentieren: Digitalisierung erfordert Umdenken

Bis 2009 war Dräger & Lienert eine eher klassische Hilfsmittelfirma, die ausschließlich gängige Standardprogramme für ihre Kundschaft anfertigte. Doch mit der fortschreitenden Digitalisierung und den immer individuelleren Wünschen der Kundinnen und Kunden musste das Unternehmen umdenken. Es begann, intern entsprechende Lösungen zu suchen und dafür zunehmend mit innovativen Ansätzen zu experimentieren. Anlässe zum Experimentieren ergeben sich seitdem entweder extern durch die Anfragen der Kundinnen und Kunden oder intern aus den Bedürfnissen der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heraus, wenn diese beispielsweise auf ein für Blinde nicht zugängliches IT-System stoßen.

Beschäftigte nutzen Freiräume der Mitbestimmung und Gestaltung

Bei der Suche nach Lösungen gewährt das Unternehmen den Mitarbeitenden große Freiheiten. Es werden interdisziplinäre Teams gebildet, die an dem Problem tüfteln dürfen. Das Unternehmen legt Wert darauf, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trauen, Neues auszuprobieren. Dabei ist Scheitern ausdrücklich erlaubt. Insbesondere den Auszubildenden räumt das Unternehmen Freiräume dafür ein, Fehler zu machen, um aus diesen zu lernen. Produkte werden intern so lange modifiziert und getestet, bis sie für den eigenen Arbeitsalltag taugen und an den Kunden gehen können. Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden umfassend in die Programme eingearbeitet und gezielt geschult, damit alle Beschäftigten die gleichen Chancen haben, auf Daten zuzugreifen. Im Arbeitsalltag haben alle Beschäftigten im Rahmen regelmäßiger Meetings jederzeit die Möglichkeit, interne Optimierungsprozesse anzusprechen oder Produkt- und Projektideen einzubringen und diese dann in interdisziplinär zusammengestellten Teams weiterzuentwickeln.

Im Arbeitsalltag vermeidet das Unternehmen, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bestimmte Arbeitsstile vorzuschreiben. Es berücksichtigt, dass einige Menschen strikte Vorgaben und Abläufe benötigen, während andere unkonventionelles Arbeiten schätzen. Wer bei einem Problem nicht weiterkommt, darf während der Arbeitszeit auch mal spontan ins Fitnessstudio gehen, um den Kopf freizubekommen, oder von zu Hause oder unterwegs arbeiten.

Inklusion: Innovative Produkte unterstützen Blinde

Auf diese unkonventionelle Weise haben die Beschäftigten bei Dräger & Lienert in den letzten Jahren verschiedene innovative Produkte und Lösungen zur Inklusion erarbeitet. So haben Mitarbeitende beispielsweise den "DL Kontaktmanager" zur Abbildung von Geschäftsprozessen entwickelt. Im "DL Kontaktmanager" können – wie bei einem normalen Customer-Relation-Management-System (CRM-System) – Kontakte, Termine, Angebote und Workflows verwaltet werden. Auch eine Verknüpfung zum Lager ist möglich. Verschiedene Funktionserweiterungen sorgen dafür, dass Sehbehinderte das System so schnell und komfortabel nutzen können wie die sehenden Kolleginnen und Kollegen. So werden beispielsweise im Kalender nicht alle verfügbaren und belegten Zeiteinheiten eines Tages vorgelesen. Stattdessen zeigen akustische Signale zunächst an, ob an einem Tag überhaupt schon ein Termin vermerkt ist oder ob es sich womöglich um einen Feiertag handelt.

Unternehmen möchte seine Agilität bewahren

Dräger & Lienert legt Wert auf seinen Ansatz umfassender Agilität. Leisten kann sich das Unternehmen seine flexible Arbeitsweise, da es nur wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter koordinieren muss und zugleich in weiten Teilen von deren persönlichen Erfahrungen und Projektideen lebt. Auch zukünftig möchte sich das wachsende Unternehmen seine Agilität bewahren und von einer zu strikten Institutionalisierung seiner Arbeitsabläufe absehen. Einen fixen Termin für wöchentliche Meetings führt Dräger & Lienert beispielsweise bewusst nicht ein, da dies erfahrungsgemäß die Mitarbeitenden in ihrer Arbeitsgestaltung und der Termingestaltung beim Kunden vor Ort zu sehr einschränkt. Kreative Ideen sollen dann Gehör finden, wenn sie sich ergeben. Einfach so. Ohne Regeln. Zwischendurch.