Virtueller Roundtable mit Peggy Schreiber-Geyer und Gunnar Rothenburg

Die Deutsche Bahn AG reagiert auf den zunehmenden Wandel der Arbeitswelt mit einem Übergang zu mehr Agilität in den Arbeitsabläufen und versucht aufgrund der ansteigenden Individualisierungstendenzen der Beschäftigten, neue Formen der Beteiligung zu etablieren. Um den Veränderungen gerecht zu werden, wagte die Deutsche Bahn AG das Experiment und befragte im Rahmen ihres Projekts "Mitbestimmung PLUS" ihre Belegschaft zu deren konkreten Ideen zur Gestaltung der Mitbestimmung von morgen.

Wie genau das funktioniert, welche Ideen bearbeitet werden und worin die Chancen und Herausforderungen einer zentralen Beteiligungskultur liegen, waren Fragen, die im Videochat diskutiert wurden. Hier finden Sie einige ausgewählte Fragen und Antworten von Peggy Schreiber-Geyer und Gunnar Rothenberg.

  • Gab es auch Kontroversen in diesem Projekt? Und wie wurde damit umgegangen?

    Peggy Schreiber-Geyer und Gunnar Rothenburg: Natürlich war es für alle Beteiligten am Anfang eine recht ungewöhnliche Situation. Wir waren fünf Arbeitgebervertreter und fünf Arbeitnehmervertreter, die sich bis dato größtenteils nicht kannten. Wir kamen schnell an den Punkt, an dem beide Seiten versuchten, ihr individuelles Maximalergebnis zu erzielen, was dazu führte, dass die ganze Arbeitsgruppe am Anfang kurzzeitig in „gewohnte“ Verhaltensmuster zurückfiel. Wir mussten also alle erst mal einen Lernprozess durchlaufen. Dieser lautete am Ende, dass jeder ein Stück weit aus seiner Rolle herausgehen muss – dies setzten wir dann auch um. Ein großer Erfolg unserer Arbeitsgruppe hängt eng damit zusammen, dass wir uns – neben unserer regulären Tätigkeit als Betriebsräte und Arbeitgebervertreter – als Verfechter der Mitbestimmung zusammengeschlossen haben. Dabei sind wir ein Stück weit aus der individuellen Rolle herausgetreten und haben uns gemeinsam überlegt, wie wir uns als Menschen, die Mitbestimmung heute schon gestalten und leben, die idealtypische Entwicklung vorstellen. Diese Arbeitsweise ist im Grunde unser Erfolgsmodell und führte dazu, dass viele Dinge zwar nicht immer im Konsens, aber in einer klaren Struktur bearbeitet werden. In einer derart paritätischen Form haben wir zuvor noch nie im Konzern zusammengearbeitet – und ja, es war nicht immer einfach. Die entstandenen Brüche waren allerdings auch notwendig, um eine Haltung zu entwickeln, wie wir mit den Themen überhaupt umgehen.

  • Wie hoch sind die Beteiligungsquoten während des Prototypings innerhalb der Betriebsparteien?

    Peggy Schreiber-Geyer und Gunnar Rothenburg: Sehr gut, denn wir sprechen die Betriebspartner direkt an, machen ihnen ein wirkliches Angebot und laden sie ein, sich zu beteiligen. Aktuell bekommen wir immer mehr Anfragen von Betriebspartnern, die Lust haben, mitzumachen und das Projekt bei sich auszuprobieren – es besteht sozusagen eine freudige Bereitschaft. Wir denken, dass sich das hohe Beteiligungsinteresse auf unser Einbindungs- und Informationskonzept zurückführen lässt.

    Wir waren stets sehr transparent und haben uns getraut, auch unfertige Dinge zu kommunizieren. Ein Schritt, für den wir sehr viel Zuspruch bekommen haben, weil wir so auch zeigen, dass wir uns kontinuierlich in einem inspirativen Prozess der Weiterentwicklung und Verbesserung befinden.

  • Hat sich durch das Projekt auch die Kultur im Unternehmen verändert?

    Peggy Schreiber-Geyer und Gunnar Rothenburg: Kulturen verändern sich nicht über Nacht. Wir können jedoch schon einige Erfolge dahingehend verzeichnen, dass wir bei großen Projekten oder thematisch neuen Pfaden an der ein oder anderen Stelle zu Rate gezogen und um Begleitung gebeten werden – bei der Größe unserer Organisation ist das schon einiges. Wir sind daher mit zehn Personen im Projektteam mittlerweile an einer Kapazitätsgrenze angekommen, an der wir überlegen, ein Wegbegleiterkonzept zu entwickeln, um das Thema "zukunftsfähige Mitbestimmung" noch stärker in den Alltag zu integrieren. Obwohl es sich bei dem Projekt noch immer um ein Prototyping handelt, wurde Mitbestimmung mittlerweile zu einem geflügelten Wort in unserem Konzern. Wir sind eine Arbeitsgruppe, die man kontaktieren kann und bei der man aktuell noch Ideen einbringen kann. Das ist wahrscheinlich auch ein Novum und macht es so interessant.

  • Und welche Überzeugungsargumente könnte man Unternehmen nennen, die eine schwächere Mitbestimmungskultur haben, um ebenfalls solche Prototypen einzusetzen?

    Peggy Schreiber-Geyer und Gunnar Rothenburg: Hier gilt es zwei Dinge zu berücksichtigen: Wir merken, dass die Digitalisierung und die neuen Arbeitsformen nicht immer zwingend Mitbestimmung praktikabel erscheinen lassen. Es gibt natürlich auch Entwicklungen, in denen Digitalisierung und Mitbestimmungsprozesse durchaus kritisch gesehen werden. Mit unserem Projekt setzen wir ganz bewusst einen Gegenpol, weil wir erkannt haben, dass es wichtig ist, die Beschäftigten nicht nur mitzunehmen, sondern auch zu Beteiligten zu machen – das ist ja Partizipation! Im Prototyping konnten wir erleben, was es bedeutet, wenn Beschäftigte gefragt werden, ihre Meinung äußern können, sich einbringen und Verantwortung übernehmen können. Das ist nicht nur eine Frage, die der Betriebsrat gut findet, sondern am Ende auch eine ganz wesentliche Voraussetzung, die jeder gute Arbeitgeber braucht. Nämlich Beschäftigte, die sich mit dem Unternehmen identifizieren und einen Beitrag für den Unternehmenserfolg leisten wollen. Und genau das wollen sehr viele Arbeitnehmer.

    Aus diesem Grund glauben wir, dass man das Konzept sehr gut auf kleinere Unternehmen oder Unternehmen, bei denen die Mitbestimmungskultur nicht ganz so ausgeprägt ist, übertragen kann.

    Ganz wichtig ist zudem ein Bekenntnis seitens der Unternehmensspitze. Das erleichtert es, Mitbestimmung neu zu denken und denken zu dürfen. Darüber hinaus ist Verbindlichkeit ein existentielles Thema. Unserer Rat ist daher: Vertrauen Sie Ihren Mitarbeitern und trauen Sie sich, diese zu fragen. Scheuen Sie sich nicht, auch und gerade unbequeme und schwierige Fragestellungen aufzurufen. Denn Mitbestimmung braucht Raum und Ehrlichkeit, also einen Rahmen, der Partizipation ermöglicht und zugleich verdeutlicht, was gestalt- und umsetzbar ist.