Sozialpartnerschaft 4.0: Mehr Mitbestimmung für Beschäftigte

Experimentierraum „Mitbestimmung PLUS“

Die Deutsche Bahn löst standardisierte, analoge Abläufe immer mehr auf und setzt stattdessen auf höhere Agilität in den Arbeitsabläufen. Zusätzlich erfordern zunehmende Individualisierungstendenzen bei den Beschäftigten neue Formen der Einbindung. Das sind beides gute Gründe, um eine neue Form der Mitarbeiterbeteiligung einzuführen. Wo besteht konkreter Handlungsbedarf? Wie soll das Verhältnis der betrieblichen Sozialpartner zukünftig aussehen? – Diese Fragen standen im Fokus der Mitarbeiterbefragung, die zu Beginn des Prozesses durchgeführt wurde. Zusätzlich riefen Konzernbetriebsrat und Personalvorstand alle Beschäftigten dazu auf, Ideen und Vorschläge für neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern einzureichen.

Prototypen für neue Formen der Mitbestimmung

Insgesamt 55 Vorschläge brachten die Beschäftigte aus allen Konzernbereichen ein. Eine paritätisch besetzte Jury, bestehend aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern, analysierte die Vorschläge, wählte die besten aus und lud zehn Ideengeber zur Mitarbeit in eine Arbeitsgruppe ein, die die Ideen weiterentwickelte. Die Arbeitsgruppe „Mitbestimmung PLUS“ einigte sich zunächst auf eine Mitbestimmungskultur für die eigene Zusammenarbeit. Im nächsten Schritt entwickelte das Team anhand der eingereichten Vorschläge Prototypen zur Mitbestimmung, die langfristig im gesamten Konzern umgesetzt werden sollen. Die Prototypen orientieren sich an vier Themenclustern: „Digitalisierung von Mitbestimmungsprozessen“ (1), „Beteiligungsprozess/neue Mitbestimmungsformate“ (2), „Rollenverständnis bei der Zusammenarbeit der Betriebsparteien“ (3) und „Direkte Beteiligung der Mitarbeiter und Individualisierung“ (4).

Prozessbegleitung und wissenschaftliche Evaluation

Unterstützt wird die Arbeitsgruppe durch zwei externe Partner: Ein professioneller Prozessbegleiter, der den Experimentierraum „Mitbestimmung PLUS“ von Anfang an begleitet hat, fungiert als neutraler Beobachter und bietet eine kritische Sichtweise von außen. Die Hans-Böckler-Stiftung evaluiert das Projekt und liefert Wirtschaftskontakte zur Vernetzung mit anderen Unternehmen.

Aktuell erprobt die Deutsche Bahn schon einige der Prototypen in der betrieblichen Praxis: zum Beispiel den Versuch, die klassische Betriebsversammlung als betriebsverfassungsrechtliches Instrument zur Beteiligung der Beschäftigten im Format eines „Town-Hall-Meetings“ durchzuführen. Während die klassische Betriebsversammlung eher frontal abläuft, können bei einem Town-Hall-Meeting alle Beschäftigten auf die Bühne kommen und ihre Bedarfe, Sorgen und Wünsche direkt an die Arbeitgebervertreter richten.

Keine Auflösung natürlicher Interessensgegensätze

Das neue Format für die Betriebsversammlungen ist nur ein Beispiel von vielen, mit denen die Deutsche Bahn das Thema Mitbestimmung an die veränderten Arbeitsbedingungen im Unternehmen anpassen will. Alle Beschäftigen sowie die 55 Ideengeber werden im Verlauf des Projekts regelmäßig vom Betriebsrat nach ihrer Meinung und möglichen Verbesserungsvorschlägen befragt.

Eine Herausforderung liegt für die Deutsche Bahn darin zu zeigen, dass Mitbestimmung PLUS nicht zu einer völligen Auflösung der Grenzen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern führen soll. Es geht nicht darum, Interessengegensätze zwischen den Betriebspartnern aufzulösen, Arbeitgeber zu Interessenvertretern der Belegschaft oder Kollegen zu engen Freunden zu machen. Entscheidend ist für den Konzern eher, eine Haltungsänderung in den Köpfen der Sozialpartner zu bewirken: Ziel ist, dass sie sich gegenüber Transformationsprozessen und neuen Formen der Kommunikation und Interaktion öffnen. Diese Gratwanderung zu schaffen, erfordert viel Fingerspitzengefühl in der internen Kommunikation.