Karriere in Teilzeit – der Experimentierraum der AOK Baden-Württemberg

Chef zu sein, darunter verstehen viele immer noch: als erste Person ins Büro kommen und als letzte wieder gehen. Denn allzu oft wird Leistungsfähigkeit mit Präsenz und Erreichbarkeit gleichgesetzt. Doch das Bild wandelt sich. Immer mehr Beschäftigte, auch im Management, wollen flexibler arbeiten, mehr Zeit für Familie und Privatleben haben. Gleichzeitig gilt immer noch, dass Frauen häufiger in Teilzeit tätig sind, was ihnen den Weg in Führungspositionen zusätzlich erschwert. Dabei gibt es einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung, der auch für Führungskräfte gilt. Eine wachsende Zahl von Unternehmen und Organisationen denkt deshalb um und eröffnet den Mitarbeitenden neue Entwicklungspfade. So auch die AOK Baden-Württemberg. Sie entschied sich, Führungspositionen auch mit Teilzeitbeschäftigten zu besetzen und ihnen so bessere Karrieremöglichkeiten zu eröffnen.

Der Frauenanteil ist traditionell hoch bei der AOK Baden-Württemberg. Über 75 Prozent der Beschäftigten sind weiblich. Doch in den Führungspositionen spiegelte sich das nicht wider: Anfang 2014 war nur ein Drittel von ihnen mit Frauen besetzt. Der Anteil von Führungskräften in Teilzeit lag bei acht Prozent. Hier eine Trendwende einzuleiten, bedeutete für die AOK deshalb auch, sich in ihrer Kommunikation neu aufzustellen und explizit die Möglichkeit des Führens in Teilzeit zu bewerben. Ob in der Mitarbeiterzeitung, den Personalentwicklungsgesprächen oder durch klare Bekenntnisse des Vorstands auf Veranstaltungen: Die Beschäftigten werden seither aktiv ermutigt, ihre berufliche Entwicklung auch während einer Teilzeitbeschäftigung voranzubringen.

Verschiedene Modelle ermöglichen Führung in Teilzeit

Dazu setzte die AOK Baden-Württemberg auf individuelle Lösungen anstatt auf starre Vorgaben. Die alleinige Führung in Teilzeit ist genauso möglich wie Jobsharing. Abhängig ist das von der Führungskraft, von der Arbeitsaufgabe und davon, auf welche Lösung sich das Team verbindlich verständigen kann. Damit die Teilzeitführung gelingt, bleiben die Führungsaufgaben bei der Führungskraft, fachliche Aufgaben können aber in einem vorher definierten Umfang delegiert werden. Flexible Arbeitszeitmodelle, mobiles Arbeiten und Beratungsangebote für die betroffenen Führungskräfte flankieren das Ganze. Darüber hinaus gab es regionale Arbeitsgruppen "Beruf und Familie", um die Unternehmensidee "Führen in Teilzeit" in konkrete Lösungen vor Ort zu übersetzen. Hier konnten Beschäftigte und Personalräte ihre Anregungen einbringen, Ideen entwickeln, Feedback an die Leitungsebene geben und so dafür sorgen, dass das Konzept auch in der Praxis erlebbar wurde.

Dass sich der neue Ansatz durchsetzen konnte, geht auch auf die Entschlossenheit der Verantwortlichen zurück. Für Führung in Teilzeit zu werben, hat nicht selten zu Stirnrunzeln und Widerspruch geführt. Doch die konsequente Strategie, Führung in diesem Sinne neu zu denken, hat sich bezahlt gemacht. Beispielsweise war eine gendergerechte Veränderung der Auswahlverfahren zum internen Studium sowie für Führungsaufgaben sehr erfolgreich. Dadurch gab es viel mehr Kandidatinnen, die den Mut hatten voranzugehen und die heute ein Vorbild sind. Seit Projektbeginn ist der Anteil weiblicher Führungskräfte bei der AOK Baden-Württemberg kontinuierlich gestiegen. Anfang 2018 lag er bereits bei 41 Prozent. Der Anteil von Führungskräften in Teilzeit liegt heute bei zwölf Prozent. In diese Richtung soll es weitergehen.