Veronika Lévesque über Agilität in öffentlichen Verwaltungen

  • Vor welche Herausforderungen stellt die zunehmende Digitalisierung Verwaltungen?

    Veronika Lévesque: Die öffentliche Verwaltung hat nur eingeschränkt Erfahrung im Umgang mit Veränderung. Und das mit eigentlich gutem Grund: Sie hat in der Auseinandersetzung mit Neuem mit besonderen, "branchenspezifischen" Schwierigkeiten zu kämpfen. Ihr grundsätzlicher Auftrag ist, für Stabilität, Verbindlichkeit, Rechtstreue und vor allem Verlässlichkeit zu sorgen.

    Die Digitalisierung und gesellschaftliche Anspruchsveränderungen fordern die Verwaltung heraus. Mit VUCA-Umwelten (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit) umzugehen, in denen nicht stabile, nicht vorher bekannte Anforderungen, die neue Formen und Formate der Problemlösung erfordern, normal sind, ist anspruchsvoll. Wir sind zumeist von Personen und mit Methoden sozialisiert worden, die in den Jahrzehnten des Wirtschaftswunders eine sehr erfolgreiche Erfahrung hervorgebracht haben: Planung, solide standardisierte Prozesse, Stabilität, Nachvollziehbarkeit und bekannte Erfolgsrezepte ("best practice") sind ein Garant für Erfolg, stetiges Wachstum und Wohlstand.

    Das hat lange so gestimmt. Und darauf baut die öffentliche Verwaltung immer noch auf. Bewusst oder instinktiv. Wir berufen uns auf erlernte Theorie oder auf geregelte Abläufe.

  • Sie gehören zu den Gründungsmitgliedern des Forums Agile Verwaltung. Was bedeutet agile Verwaltung konkret?

    Veronika Lévesque: Agil heißt: sich in kurzen Rhythmen organisieren, ausprobieren, anschauen, dann anpassen. Nah an realen Personen und Möglichkeiten auf ein Ziel hin handeln, das sich nach und nach schärft, und dies jederzeit der tatsächlichen Situation mit allen ihren Veränderungen möglichst nahe und angemessen. Um Interessierten einen schnellen Einstieg zu erlauben, haben wir die wesentlichen Prinzipien der agilen Denkweise, adaptiert an die öffentliche Verwaltung, in folgenden Merksätzen zusammengefasst:

    • Das Ganze in den Blick nehmen.
    • Crossfunktionale Teams bilden.
    • Mit überschaubaren Änderungen und Teilergebnissen experimentieren.
    • Die Anspruchsberechtigten einbeziehen.
    • Sich regelmäßiges Feedback von innen und außen beschaffen.
    • Das System immer wieder angemessener machen.
  • Wie können Experimentierräume dabei helfen, Verwaltungen agiler zu gestalten?

    Veronika Lévesque: Wie virtuell ist unser erlerntes Vorgehen heute angesichts von VUCA-Umwelten? Wie viel Aufwand stecken wir in den Versuch, uns an idealtypischer Planung und "schon mal erfolgreich gewesenen" Vorgehensweisen festzuhalten, damit uns die Realität nicht überrollt, damit wir nicht dem Risiko gegenüberstehen, nicht schon vorher genau zu wissen, wie wir vorgehen sollen? Weil es kein Modell mehr und (noch) keine Vorschrift gibt und es im aktuellen Verständnis als unprofessionell angesehen werden könnte, die Antwort nicht schon am Anfang parat zu haben, sind Experimentierräume zentral. Experimentierräume, das sind "Sandboxes", in denen ohne unmittelbare Konsequenz Abhängigkeiten, Zusammenarbeits- und Wissensgenerierungswege erfahren werden können. So kann der Umgang mit unerwarteten Situationen geprobt werden, ohne dass das Risiko, sichtbar Fehler zu machen, das Ausprobieren und Lernen hemmt.