Empowerment ist der zentrale Schlüssel

  • Welche Chancen und Herausforderungen entstehen durch den Wandel der Arbeitswelt für die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben?

    Katrin Gül: Die Digitalisierung öffnet neue Potenziale für die Organisation des Berufs- und Privatlebens. Das Internet und mobile Endgeräte machen es möglich, dass Menschen theoretisch zu jeder Zeit und von jedem Ort aus arbeiten können. Diese neue Gestaltungsfreiheit kommt mit Blick auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf manchen Beschäftigten schon jetzt zugute. Aber führt sie auch wirklich zu mehr Zeitsouveränität für alle? Das ist kein Selbstläufer. Wenn Unternehmen neue Freiheitsgrade nicht mit geeigneten Rahmenbedingungen flankieren, besteht die Gefahr, dass sich eine "Kultur der permanenten Verfügbarkeit" ausprägt, die den Druck in der Arbeit erhöht und neue Belastungen mit sich bringt. Home-Office-Regelungen und flexible Arbeitszeiten sind sicherlich Schritte in die richtige Richtung, um die alte Präsenzkultur mit neuen Formen flexibler und mobiler Arbeit zu verbinden. Aber insgesamt brauchen wir ganzheitliche und nachhaltige Konzepte, die wir mit unserer Forschung vorantreiben wollen. Und diese Konzepte können nur gelingen, wenn wir die Beschäftigten empowern.

  • Wie kann Empowerment in der digitalen Arbeitswelt aussehen?

    Katrin Gül: Mit Empowerment meinen wir die Ermächtigung der Beschäftigten, ihren Arbeitsprozess selbst zu kontrollieren – das fängt an beim Zugang zu Daten, geht weiter mit der Hoheit über die Arbeitsmittel, die Organisation von Abläufen bis hin zu echter Zeitsouveränität. Menschen hierzu zu befähigen ist der zentrale Schlüssel für eine erfolgreiche Gestaltung einer Arbeitswelt, die in Zukunft wesentlich von Agilität geprägt sein wird. Immer mehr Unternehmen setzen bei der Suche nach einem neuen Bauplan für eine erfolgreiche digitale Transformation auf die Leitidee der "agilen Organisation". Um das wirklich auf allen Ebenen umsetzen zu können, brauchen sie "mündige Mitarbeiter". So hat es eine Führungskraft im Experteninterview mit uns auf den Punkt gebracht. Aber wer Empowerment wirklich ernst nimmt, muss in die Tiefe gehen. Eine zentrale Voraussetzung dafür ist nicht nur eine neue Kultur der Offenheit und Transparenz, sondern vor allem auch die Vermittlung von Vertrauen und Sicherheit hinsichtlich der individuellen Perspektiven im Unternehmen. In einer Situation der Angst, in der beispielsweise Personalabbau und Abfindungsangebote im Unternehmen die Runde machen, können Sie niemanden davon überzeugen, im Sinne einer agilen Austauschkultur sein Expertenwissen preiszugeben. Eine weitere zentrale Stellschraube ist die grundsätzliche Neubestimmung von Führung. Statt Hierarchien und "despotischer" Einzelentscheidungen sind Coaching, soziale Aushandlungsprozesse und das Verteilen von Verantwortung gefragt. Hiervon sind viele Unternehmen allerdings noch weit entfernt.

  • Welche Rolle spielen Experimentierräume für die Erprobung neuer Arbeitswelten?

    Katrin Gül: Eine ganz entscheidende. Denn die digitale Transformation zu bewältigen, heißt, Neuland zu gestalten. Und das funktioniert weder über die Köpfe der Menschen hinweg noch über Change-Projekte auf der grünen Wiese. Das geht nur, wenn wir die Menschen am Neuerfindungsprozess der Unternehmen beteiligen und gemeinsame Lernprozesse anstoßen. Deswegen hat unser Forschungsteam im Rahmen des BMAS-Projektes "WING" betriebliche Praxislaboratorien entwickelt. Sie setzen an konkreten Baustellen an, die die Beschäftigten selbst identifizieren. Die Labs nehmen den realen Arbeitsalltag als Ausgangspunkt für neue Konzepte und leben davon, dass Beschäftigte, Management und die Interessenvertretung die Gestaltung der digitalen Arbeitswelt gemeinsam in die Hand nehmen. Unser Konzept setzt darauf, dass die Teams ergebnisoffen, selbstorganisiert, agil und inkrementell, also schrittweise, arbeiten. Wir halten die Praxislaboratorien für ein zukunftsweisendes Instrument für die nachhaltige und beteiligungsorientierte Gestaltung neuer Arbeitswelten.