Agiles Arbeiten braucht die richtigen Rahmenbedingungen

  • Unternehmen müssen heutzutage immer flexibler und vorausschauender handeln. Sind die Verantwortlichen darauf vorbereitet?

    Christiane Benner: Die Digitalisierung schlägt im Moment an vielen Stellen und in vielen Formen auf, die Betriebsräte haben damit alle Hände voll zu tun. Dazu kommt, dass in den Unternehmen vielfach keine klare Strategie erkennbar ist, stattdessen viel Aktionismus. Viele Betriebsräte berichten, dass per Order von ganz oben alles Mögliche auf einmal eingeführt werden soll. Und natürlich kommt es darauf an, wie stark das Gremium aufgestellt ist und wie gut die Beschäftigten organisiert sind. Freiräume für Beschäftigte durchzusetzen ist leider keine Frage von guten Argumenten, sondern der Kräfteverhältnisse.

  • Passen agile Arbeitsmethoden in jedes Umfeld? Wie kann agiles Arbeiten konkret aussehen?

    Christiane Benner: [Agile Methoden] müssen sich nicht nur auf Forschung und Entwicklung beschränken. Ich kann mir mehr agiles Arbeiten etwa auch in der Produktion gut vorstellen – und auch in der IG Metall! Im Kern nämlich bedeutet agile Arbeit: Wir nehmen die Beschäftigten mit ihren Ideen und ihrem Wissen ernst. Schließlich wissen sie am besten, was im Betrieb schief- und was gut läuft. Dafür allerdings braucht es die richtigen Rahmenbedingungen – und eine tief greifende Kulturveränderung, die mit den Beschäftigten, den Vertrauensleuten, den Betriebsräten [und] den Gewerkschaften auf den Weg gebracht werden muss […].

    Richtig gestaltet, kann agiles Arbeiten ein Mehr an Freiheit für die einzelnen Beschäftigten bringen. […] Bei Daimler zum Beispiel gibt es eine Betriebsvereinbarung zur Schwarmarbeit; in weiteren Unternehmen sind Vereinbarungen zu agilem Arbeiten in der Entstehung. In ihrem Zentrum stehen vor allem die Umsetzung der agilen Werte, Qualifizierung und der Schutz vor Überlastung. […] Wenn Unternehmensstrukturen jetzt aufgebrochen oder agiler werden, muss sich natürlich auch die Betriebsratsarbeit ändern, sonst greift sie ins Leere […].

  • Was muss getan werden, damit die Chancen digitaler Arbeit überwiegen?

    Christiane Benner: Der Staat, die Unternehmen und vor allem wir selbst als IG Metall sind gefordert. Es gilt, Gesetze wie das Betriebsverfassungs- und das Mitbestimmungsgesetz an die neuen Herausforderungen anzupassen. Der Staat muss die soziale Absicherung von Crowdworkerinnen und Crowdworkern sicherstellen. Bei den Unternehmen setze ich auf die Einsicht, dass man im digitalen Zeitalter zwingend kreative und selbstbestimmte Belegschaften braucht – das setzt aber gute und faire Arbeitsbedingungen voraus.

Das gesamte Interview, geführt durch Jeanette Goddar und Gunnar Hinck, ist im Magazin "Mitbestimmung" erschienen.