Es bedarf einer breiten gesellschaftlichen Wertedebatte

  • Welche Rolle wird die menschliche Arbeitskraft in der Arbeitswelt der Zukunft spielen?

    Andreas Wille: Auch wenn viele Tätigkeiten in Zukunft nicht mehr durch den Menschen verrichtet werden: Die menschliche Arbeitskraft wird nicht verschwinden, aber sie wird sich ändern. Der Mensch verfügt über Stärken, die auch in der Arbeitswelt der Zukunft unverzichtbar sind. Hierzu zählen seine Kreativität und Initiative, die Fähigkeit zur situativen Entscheidung und zum Planen, aber auch Empathie, Kommunikation und soziale Kompetenz. Je mehr die Grenzen zwischen den Branchen mit ihrer Spezialisierung und Arbeitsteilung verschwimmen und durch hybride Kollaborationen abgelöst werden, desto bedeutsamer werden vernetztes Arbeiten, Selbstorganisation und Teamarbeit. Wie sehr der Mensch seine Stärken in der Arbeitswelt der Zukunft zur Geltung bringen kann, wird in großem Maße von seiner Investition in Bildung abhängen. Eine breite, interdisziplinäre Bildung in Kita, Schule, Studium und Ausbildung wird für die Arbeitskräfte von Morgen ebenso essentiell sein, wie digitale Grundkompetenzen und die Bereitschaft, durch lebenslanges Lernen mit der technologischen Transformation Schritt zu halten.

  • Wo liegen aus Ihrer Sicht die Chancen und Herausforderungen bei der arbeitnehmerfreundlichen Gestaltung des digitalen Wandels?

    Andreas Wille: Digitalisierung kann die Arbeitswelt leichter, inhaltsreicher und selbstbestimmter machen, wenn sie dem Menschen körperlich belastende Arbeit und monotone Routinetätigkeiten abnimmt. Sie eröffnet uns die Möglichkeit zu mehr örtlicher und zeitlicher Flexibilität, und damit zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Dieser Mehrwert der Digitalisierung wird sich jedoch nicht von allein einstellen. Arbeit, die anspruchsvoller und komplexer wird, kann Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer überfordern. Die Möglichkeit, zu jeder Zeit und an jedem Ort zu arbeiten, kann zu einer Entgrenzung der Arbeit statt zu mehr Autonomie der Beschäftigten führen. Daten sind der Rohstoff der Digitalisierung. Sie können aber ebenso zu einer lückenlosen Kontrolle der Beschäftigten missbraucht werden. Ob die Chancen oder die Risiken des digitalen Wandels überwiegen, liegt in unserer Hand: Die Zukunft der Arbeitswelt ist – heute noch – gestaltbar. Hierzu bedarf es erstens einer breiten gesellschaftlichen Wertedebatte, welche Technologien uns sozialen Fortschritt versprechen und daher im Rahmen staatlicher Forschungs- und Industriepolitik gefördert werden sollten. Diese Debatte sollte auch einschließen, wo wir durch gesetzliche Regulierung rote Linien ziehen, zum Beispiel bei der Überwachung am Arbeitsplatz. Zweitens hängt die erfolgreiche Anwendung von Technologien im Unternehmen auch von der Einbindung der Beschäftigten ab. Die bewährte Sozialpartnerschaft in Deutschland kann sich auch hier als ein entscheidender Standortvorteil erweisen, um Innovationspotentiale im Interesse von Unternehmen und Beschäftigten zu nutzen.

  • Welche Rolle können und sollen Mitarbeitende bei der digitalen Transformation spielen? Wie können sie beteiligt werden?

    Andreas Wille: Der digitale Wandel wird umfassende Veränderungen in Unternehmen und Verwaltung anstoßen. Eine gelebte Mitbestimmungskultur ermöglicht es, von der Expertise der Beschäftigten an ihrem Arbeitsplatz zu profitieren. In der digitalen Transformation bedarf es mehr denn je der etablierten Mitbestimmungsstrukturen. Betriebsräte können aus ihren Erfahrungen heraus eine zentrale Rolle als Treiber von Innovationen spielen und sollten daher frühzeitig in Veränderungsprozesse einbezogen werden. Überdies differenzieren sich die Bedürfnisse und Flexibilitätsansprüche der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weiter aus. Betriebsräte und Gewerkschaften können darauf reagieren, indem sie in Tarif- und Betriebsvereinbarungen verstärkt Wahloptionen für die Beschäftigten verankern.

    Mitbestimmung muss auch ein Recht für diejenigen sein, die nicht in einem klassischen betrieblichen Kontext tätig sind, beispielsweise als Crowdworker. Hier ist zum einen der Gesetzgeber gefragt, die Vertretungs- und Mitbestimmungsrechte vor dem Hintergrund einer sich wandelnden Arbeitswelt weiterzuentwickeln und zu stärken. Zum anderen sollten Gewerkschaften es als Auftrag sehen, auch die Interessen von Menschen in sogenannten "neuen Erwerbsformen" zu vertreten. Die intensive Bearbeitung des Themas zeugt davon, dass Gewerkschaften die Aufgabe der Gestaltung des technologischen Wandels im Sinne von „guter digitaler Arbeit“ bereits angenommen haben.