Stellungnahme des IAW

Bei dem bevorstehenden Wandel der Arbeitswelt und -systeme ist es notwendig, die Grundprinzipien guter Arbeit nicht zu vernachlässigen:  Ausführbarkeit, Schädigungslosigkeit, Beeinträchtigungsfreiheit und Persönlichkeitsentfaltung müssen auch in Zukunft durch eine arbeitswissenschaftliche Gestaltung und Evaluation sichergestellt werden.

Die Flexibilisierung von Arbeitszeiten kann zu einer erstrebenswerten Verbesserung der Koordinationsmöglichkeiten zwischen Beruf und Privatem, gerade bei jungen Familien, führen. Sie kann aber auch zu zunehmender Beanspruchung führen, wenn diese Flexibilisierung vor allem vom Arbeitgeber (kurzfristig) in Anspruch genommen wird und es so zu einer Unplanbarkeit von beruflichen Anforderungen und Zeiten führt. Die Freiheit, eine E-Mail auch nach Dienstschluss von zuhause beantworten zu können, kann im Rahmen des Konkurrenzdruckes unter Kollegen schnell auch zur Pflicht werden. Unterschiedliche individuelle Coping-Strategien der Arbeitspersonen führen dazu, dass Flexibilisierung sowohl als Entlastung aber auch Belastung wirken kann. Hier muss der gesetzliche Rahmen gegeben sein, dass die Arbeitspersonen, die feste Arbeitszeiten bevorzugen, nicht benachteiligt werden.

Die zunehmende Automatisierung führt einerseits dazu, dass körperlich schwere oder monotone Arbeit von Maschinen übernommen wird; dies kann eine Entlastung darstellen. Auf der anderen Seite kann dies der Kompetenzentwicklung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gerade im prekären „Niedriglohnbereich“, entgegenwirken. Hier ist darauf zu achten, dass die berufsbegleitende Weiterqualifizierung betroffenen Arbeitspersonen Perspektiven eröffnet.

Die Digitalisierung und Automatisierung von Arbeit schreitet hierbei mit derart großem Tempo voran, dass die soziale und rechtliche Entwicklung kaum in der Lage ist, dieser entsprechend zu folgen. Die Perspektive der Arbeitspersonen spielt hier eine noch untergeordnete Rolle. Es mangelt oft sowohl an praktischen Erfahrungen als auch an Regularien seitens der Legislative. Dies stellt die Arbeitswelt und die Gesellschaft vor Herausforderungen und wirft Fragen des Arbeitsrechts, der Persönlichkeitsrechte, des Daten- und Arbeitnehmerschutzes auf, deren Dimensionen heute noch nicht abzuschätzen sind.

Des Weiteren stellt sich in diesem Zusammenhang die arbeitsorganisatorische sowie ergonomische Frage, wieviel Platz bei zunehmender Effizienz und Automatisierung noch für Resilienz im Unternehmen bleibt; was also passiert, wenn im hochautomatisierten System eine Fehlfunktion auftritt und eine zielgerichtete Intervention erfolgen muss, um das System wieder in einen sicheren Betriebszustand zu bringen.

Der Mensch nimmt in der Arbeitswelt 4.0 sozial, kommunikativ und emotional eine neue, aktivere Rolle in der Arbeit ein. Möglichkeiten der Beeinflussung von Arbeitsbedingungen und -ausführung wachsen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite nehmen Leistungs- und Zeitdruck zu. Es gilt diese Veränderungen im arbeitswissenschaftlichen Kontext zu begleiten, dezidiert zu erfassen und zu erforschen, um so aus Sicht der Arbeitspersonen negative Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und entgegenzuwirken.


Download der Stellungnahme