Stellungnahme des Hasso-Plattner-Instituts (HPI)

In Umfragen und in persönlichen Gesprächen der letzten Monate zeigte sich immer wieder, dass Menschen in Bezug auf die Arbeit der Zukunft große Ängste haben und unsicher sind, was die laufende Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung sowohl der Arbeitswelt als auch der Wirtschaft für sie bedeutet. Zweifellos steht die globale Gesellschaft vor einer historischen Umwälzung mit noch nicht absehbaren Folgen für den Arbeitsmarkt. Die Technologie ist an einem Punkt angelangt, an dem sie dem Menschen gefährliche oder eintönige Arbeiten abnehmen kann. Zudem werden Maschinen fähig, Zusammenhänge und Muster zu erkennen und dadurch völlig neue Aufgaben zu übernehmen.

Maschinen, die dem Menschen die Arbeit erleichtern: Das ist gleichermaßen Verheißung wie Drohung. Denn wo Maschinen schwere oder gleichförmige, analytische oder überwachende Jobs übernehmen, verliert der Mensch seine Tätigkeit. Die Bedienung der Maschinen selbst wird immer einfacher, sodass auch geringer qualifizierte Mitarbeiter sie bedienen können. Außerdem werden künftig weniger Mitarbeiter mehr Maschinen gleichzeitig steuern und überwachen. Doch selbst diese Tätigkeiten werden mit der fortschreitenden Entwicklung des Internets der Dinge und der Industrie 4.0, in denen Maschinen untereinander stark vernetzt sind und sich gegenseitig beeinflussen, weniger. Daraus lässt sich ein destruktives Bild ableiten, in dem viele Menschen weniger Arbeit haben werden. Es lässt sich aber auch aus einer anderen, einer optimistischeren Perspektive betrachten. Denn wo der Mensch weniger zu tun hat, kann er Freiräume bekommen, die er für Fortentwicklung und Kreativität nutzen kann.

Ängste nehmen, Chancen aufzeigen: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind gefordert, die skizzierten Veränderungen in die richtigen Bahnen zu lenken. Zudem brauchen wir gesellschaftlich ein innovationsfreundliches Klima, das notwendige rechtliche und gesellschaftliche Freiräume lässt, um neue Geschäftsmodelle und Ideen auszuprobieren.

Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung sehen wir als eine umfassende gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die auch wir als unsere zwingende Aufgabe ansehen. Wir denken, dass Bildungsinstitute eine tragende Rolle spielen müssen.

Wir danken Ihnen für die Möglichkeit, zu den Entwicklungen Stellung zu nehmen und freuen uns auf eine konstruktive, fruchtbare Debatte. Für Diskussionen steht unser Institut gern zur Verfügung.

Als Institut mit Außenstellen und Kooperationspartnern auf der ganzen Welt kommen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer wieder in Kontakt mit den unterschiedlichsten Erwerbsmodellen der Menschen. Oft geht es in den Gesprächen um die Sinnfrage der Arbeit. Wir sind der Ansicht, dass das sinnstiftende Wesen von Beschäftigung in der Diskussion um die Zukunft der Arbeit stärker berücksichtigt werden sollte. Ganz wie die Autoren des Grünbuchs schreiben: "Arbeit verleiht Würde und Identität."

In mehreren Abschnitten des Grünbuchs gehen die Autoren auf neue Freiräume ein, die Möglichkeiten für eine flexiblere Gestaltung der Work-Life-Balance bieten, für stärker selbstbestimmtes Arbeiten und bessere Vereinbarkeit individueller Bedürfnisse. Zu kurz kommt unserer Ansicht nach der Aspekt, entstehende Freiräume gezielt und angeleitet der Bildung und Kreativität der Beschäftigten zu widmen. Hier am Institut machen wir seit Jahren gute Erfahrungen mit Kreativ-Denk-Formen wie dem "Design Thinking". Dabei ist immer wieder erstaunlich, in welch kurzer Zeit ausgereifte, innovative Ideen entstehen.

Ein Weg hin zum Einsatz gezielter und strukturierter Einbindung von Kreativmethoden kann für Unternehmen von großem Wert sein. Denn durch die Nutzung der Kreativität und der Innovationskraft der eigenen Mitarbeiter können sich neue Services und Produkte entwickeln und sich das Unternehmen einen Vorsprung im globalen Wettbewerb sichern. Diese Art einer neuen Innovationskultur verspricht auch langfristig Erfolge für Unternehmen.

Für mehr Freiräume während der Arbeitszeit und für Möglichkeiten, dass sich Mitarbeiter ausprobieren können, plädieren auch viele der hochrangigen Experten, mit denen das HPI zusammenarbeitet. So sehen beispielsweise die Beteiligten der "Innovation for Jobs"-Initiative (i4j) wie Mei Lin Fung und David Nordfors die Möglichkeit, durch strukturierte Kreativmethoden mehr über die Fähigkeiten der eigenen Mitarbeiter herauszufinden. Dieses Wissen könne dann genutzt werden, die Menschen besser ihren Fähigkeiten entsprechend einzusetzen. Die ehemals enge Mitarbeiterin des IT-Pioniers Vinton Cerf und der i4j-Wissenschaftler betonen, Menschen würden sich heute extrem nützliche Fähigkeiten außerhalb der Unternehmen aneignen, die der Betrieb jedoch hervorragend nutzen können. Unternehmen müssten stärker auf die Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter eingehen, vorhandene Fähigkeiten besser nutzen und den Menschen an sich intelligenter einbinden. Die Arbeitsforscher plädieren deshalb vor allem auch an Personalabteilungen: "Befähigt die Menschen, platziert sie nicht nur." Der Ansatz läuft unter der Bezeichnung "Meaningful Jobs".

Die Umwidmung neuer Freiräume in der Arbeit der Zukunft sollten entsprechend auch im künftigen Weißbuch aufgegriffen und stärker repräsentiert werden, ebenso wie der Aspekt der besseren und individuelleren Einbindung der Mitarbeiter.

Die zweite große Herausforderung in der Arbeit 4.0 sehen wir in der kontinuierlichen Bildung und Weiterbildung der Menschen. Wir stimmen den Autoren des Grünbuch in ganzer Linie zu, wenn sie schreiben: "Angesichts des digitalen Strukturwandels ist eine Ausweitung der Weiterbildungsaktivitäten dringend erforderlich."

Eine Herausforderung sehen wir bei der Mobilisierung und Motivierung der Menschen für die Weiterbildung. Starre Arbeitszeitmodelle müssen unserer Ansicht nach überwunden und Eigeninitiative gestärkt werden. So zeigen beispielsweise Erhebungen des Bundeswirtschaftsministeriums, dass ein großer Teil der kleinen und mittelständischen Unternehmen im Hinblick auf die Digitalisierung noch dringenden Nachholbedarf haben. Aus dem Ministerium heißt es, Umfragen hätten ergeben, dass etwa 60 Prozent der KMU das Wort "Digitalisierung" nicht in ihrer Geschäftsstrategie haben. Doch wenn schon ein großer ein Teil der Unternehmen nicht "digital" denkt und handelt, wie kann dann von den Beschäftigten erwartet werden, sich entsprechend weiterzubilden? Schwierig sehen wir zudem den Aspekt eigenverantwortlicher Weiterbildung. Fehlendes Verständnis und mangelnde Motivation stellen unserer Ansicht nach große Hürden in Sachen persönlicher Fort- und Weiterbildung dar. Deswegen denken wir, dass dringend Anreize geschaffen werden müssen – sowohl für Unternehmen wie für Beschäftigte.

Bei der Frage nach Fort- und Weiterbildung muss aber auch klar sein: Man kann nicht jeden Mitarbeiter mit der "Gießkanne" qualifizieren. So lautet eine Aussage der Fachtagung zur Arbeit der Zu-kunft am Hasso-Plattner-Institut im Mai 2016. Es brauche Fortbildungsangebote, die sowohl auf die Unternehmen wie auch auf die einzelnen Beschäftigten abgestimmt sind, beziehungsweise die entsprechend individualisiert werden können.

Zur Bewältigung der Herausforderungen sehen wir zwei Ansätze. Einerseits die Förderung von nutzerfreundlichen IKT-gestützten Systemen, die Unternehmen wie Beschäftigte unterstützen, sich intensiver mit IT-Themen auseinanderzusetzen. Andererseits muss auch eine Art "Digitale Grundausbildung" breiter Bevölkerungsschichten angestrebt werden. Denn es kann nicht sein, dass Menschen digitale Werkzeuge und Plattformen benutzen, diese aber weitestgehend nicht verstehen. Das ist auf vielen Ebenen wie zum Beispiel der Datensicherheit ein großes Problem. Der sichere und bewusste Umgang mit IT-Systemen muss zu einer absoluten Grundqualifikation eines jeden Beschäftigten werden.

Wir sind der Meinung, dass die Vermittlung digitaler Kompetenzen bereits in den Schulen beginnen muss. Es reicht nicht, Schulen nur mit Technik auszustatten. Es braucht auch geeignete Mitarbeiter, die mit den Maschinen umgehen können. Außerdem müssen die Geräte intelligent in den Unterricht eingebunden werden – zum Beispiel über eine Schul-Cloud. Hinsichtlich dieser Aspekte erkennen wir einerseits großen Nachholbedarf, andererseits noch große ungenutzte Potentiale.

In der Bereitstellung von Angeboten für das lebenslange Lernen sehen wir auch eine große Chance für die deutschen Hochschulen, die so eine noch stärkere Rolle bei der Bewältigung des gesellschaftlichen Wandels übernehmen können. Universitäten und Hochschulen müssen Begleiter für lebenslanges Lernen werden. Dafür drängt sich das Internet als Weg förmlich auf. Über Fernunterrichte wie die sogenannten Massive Open Online Courses (MOOC) können wir Berufstätige an die Hochschulen virtuell zurückholen und Menschen einbinden, die noch nicht oder noch nie studiert haben. Zudem können die Internet-basierten Angebote eine Chance für Menschen fern der Metro-polen sein und neue Impulse für das Leben im ländlichen Raum setzen.

Wir sehen die Politik in der Verantwortung, Fernunterrichte wie MOOCs stärker zu fördern, sie zu zertifizieren und so diese Angebote stärker in die Weiterbildungslandschaft einzubinden. So lässt sich der im Grünbuch kritisierte "Flickenteppich der Strukturen in Fort- und Weiterbildung" zurückdrängen. Unternehmen sollten zudem motiviert werden, Freiräume zur Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu schaffen. Auch dabei kann digital gestützter Fernunterricht helfen – sei es bei der Bildung am Arbeitsplatz im Unternehmen oder daheim im Home Office. Fort- und Weiterbildung muss fortwährend und kontinuierlich in Unternehmensabläufe eingebunden werden. Nur so kann Akzeptanz auf beiden Seiten erreicht werden.

Besonderen Erfolg für Bildungsmaßnahmen via MOOCs verspricht der Ansatz der "Gamification". Dabei wird Wissen über einen spielerischen Ansatz vermittelt. Erlebnis und Unterhaltung dienen als Transportmedium für die Inhalte. Auch innerhalb von Unternehmen kann Gamification für neue Impulse sorgen. Denn Fort- und Weiterbildungen auf diese Art versprechen Motivation und schaffen so neue Kompetenzen.

Als global vernetztes Institut mit starkem technologischem Fokus sehen wir mit großer Freude, wie sich Kreativität und Innovationskraft unserer Studierenden immer wieder in Form neuer Startups und Ausgründungen unseres Instituts zeigen. Dabei entstehen regelmäßig nicht nur neue innovative Konzepte, sondern auch neue Formen der Unternehmensgestaltung und der Beschäftigung. Wir hoffen, dass die Förderung dieser neuen Unternehmensformen und der unternehmerischen Impulse für das Bundesarbeitsministerium ebenso ein Anliegen ist wie uns. Dabei ist es nicht nur wichtig, die Startups selbst stärker zu unterstützen, sondern auch ein investitionsfreundliches Klima für Risikokapitalgeber zu schaffen. Wir sehen hierbei in steuerlichen Anreizen einen geeigneten Hebel, um für mehr Engagement zu sorgen. Wir glauben, dass sich eine solche indirekte Förderung positiv auf das Investitionsvolumen und die Zahl der Neugründungen auswirken kann.

Wir sollten die Chance nutzen, durch gezielte Förderung von Startups sowie durch innovationsfreundliche Anpassung von Arbeitsrecht und Rahmenbedingungen unter Einbindung aller beteiligten Ministerien in den Denkprozess ein gründungsfreundliches Klima für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu erzeugen. So können wir es schaffen, die Potentiale der Tech-Branche stärker zu nutzen.

Wir pflichten der Ministerin bei, wenn sie schreibt, dass wir "nicht möglichst viele Regeln, sondern möglichst gute" benötigen. In diesem Sinne erhoffen wir uns eine durchdachte Steuerung neuer Arbeitsverhältnisse, eine Anpassung der Arbeitszeitvorgaben und eine ebenso flexible wie nachhaltige Einbindung neuer Businessmodelle in die bestehenden Sozialsysteme. Aktuelle Rahmenbedingungen müssen dringend überdacht und an neue bereits existente und zukünftige Formen der Arbeit angepasst werden. Denn sicher ist, dass die zukünftige Arbeitswelt neue Erwerbsmodelle mit sich bringen wird. Darum ist es wichtig, neue Formen der Arbeit wie Crowd Working, Crowd Sourcing und Tätigkeiten im Rahmen der Share Economy nicht zu verteufeln, sondern in die richtigen, nachhaltigen Bahnen zu lenken.

Potentiale der neuen Arbeitswelt müssen zum Positiven genutzt werden, um Deutschland in einer vernetzten globalisierten Welt wettbewerbsfähig zu halten.