Stellungnahme der Allianz deutscher Designer AGD

Die Allianz deutscher Designer AGD ist mit rund 3.000 Mitgliedern der deutschlandweit größte Berufsverband freiberuflicher Designer aller Disziplinen. Gegründet 1976 setzt sie sich seit fast 40 Jahren für die Interessen ihrer Mitglieder ein. Das reicht vom Engagement in sozialrechtlichen Fragen wie der Versicherung in der Künstlersozialkasse, in deren Beirat sie Mitglied ist, über den regelmäßigen Neuabschluss des Vergütungstarifvertrages Design (VTV Design) mit dem Tarifpartner SDSt e.V., in dem die angemessene Vergütung von Designleistungen selbstständiger Designer festgelegt wird, bis hin zur Beratung ihrer Mitglieder in allen unternehmerischen und (steuer-) rechtlichen Fragen.

Ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit ist die Beobachtung und Analyse der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen für das unternehmerische Handeln unserer Mitglieder  sowie die Ableitung und Entwicklung entsprechender Maßnahmen, die den unternehmerischen Erfolg unserer Mitglieder unterstützen helfen.

Basierend  auf diesen Erkenntnissen möchten wir hier zu einigen der im Grünbuch aufgeworfenen wichtigen Fragen Stellung nehmen.

Ein wesentliches Merkmal künftigen Arbeitens werden neue arbeitsorganisatorische Strukturen sein. Die Zahl der im Grünbuch erwähnten Solo-Selbstständigen wird weiter zunehmen, teils weil die Selbstständigkeit die Arbeitsform der Wahl ist, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf, Familie, Freizeit und gesellschaftliches Engagement geht, teils weil insbesondere den Kreativen keine andere Wahl bleibt.

Das Softwareunternehmen „Intuit“ prognostiziert für den amerikanischen Arbeitsmarkt im Jahr 2020 einen Freelancer-Anteil von ungefähr 40%. In Deutschland wird er wohl nicht so hoch sein, aber der Trend geht auch an uns nicht vorbei. Daher ist es die Aufgabe aller Beteiligten, diesem Trend Rechnung zu tragen, widerstandsfähige, flexible und offene arbeitsorganisatorische Modelle zu entwickeln, die Solo-Selbstständige auch durch Wirtschaftskrisen tragen, und dafür die richtigen wirtschaftlichen, politischen, sozialen und rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Die arbeitsorganisatorische Struktur der Wahl ist unseres Erachtens das vernetzte Arbeiten, die Übertragung der so genannten Aufbau- und Ablauforganisationsstrukturen auf die Organisation einer Solo-Selbstständigkeit. Dies erscheint uns zwingend, weil einerseits, wie bereits erwähnt, die Zahl der Solo-Selbstständigen zunehmen wird, andererseits die zu bearbeitenden Projekte in den wichtigen Branchen Informations- und Kommunikationstechnologien, unternehmensnahe Dienstleistungen, Medizin-, Mess-, Steuer-und Regelungstechnik sowie Optik immer komplexer werden, sodass sie von einem Selbstständigen allein nicht bewältigt werden können. Eine Lösung kann hier die Peer to Peer Economy sein, die die Möglichkeit bereit hält, sich flexibel und dynamisch in größeren Einheiten zusammenzufinden und projektweise zu kooperieren. Diese Kooperationen sind verbindlicher als lose Netzwerke und bilden trotzdem keine starren Strukturen.

Organisation

Im Zentrum des Handelns der vernetzten Solo-Selbstständigen steht ein geteilter Arbeitsprozess, ein geteiltes Projektmanagement und ein geteiltes Wirtschaften. An die Stelle der Pflege einer Infrastruktur tritt die Pflege des Netzwerkes, das keinen gemeinsamen Ort mehr braucht, aber Verlässlichkeit und Effizienz.

 

Identität

Aufträge werden nicht an organisatorische Plattformen vergeben. Die Identität eines adaptiven Betriebes entsteht durch die Sichtbarkeit seiner Mitglieder automatisch, muss jedoch zusätzlich systematisch (weiter-) entwickelt und bewusst (!) geformt werden. Sie ist demnach kein Zufallsprodukt. Grundlage dafür sind eine geteilte Haltung und eine geteilte Identität und nicht definierte Rollen und Stellenbeschreibungen, denn ein wichtiges Merkmal der Netzwerkstrukturen ist der kontinuierliche Rollenwechsel der Beteiligten. Immer zwar mit Blick auf die spezifischen Kompetenzen, Fertigkeiten und Ressourcen der einzelnen Beteiligten kann sich ihre Rolle von Projekt zu Projekt ändern, je nach Kundenanforderung. Das erhöht den Kommunikations- und Koordinierungsaufwand nach innen und außen und verlangt den Beteiligten eine hohe Bereitschaft ab, individuelle Unterschiede zuzulassen.

 

Komplementarität und Diversität

Rein formal können solche Netzwerke vertikal oder horizontal entstehen, allerdings gehen wir bei den hier beschriebenen open structures von dem Zusammenspiel wesensunterschiedlicher, einander ergänzender Kompetenzen und Expertisen aus. Sie bilden die Basis für projektbezogene, flexible Kooperationen, die zeitlich befristet auftragsindividuell gebildet werden. Damit sind derlei Strukturen besser in der Lage, angemessen auf Kundenanforderungen zu reagieren als traditionelle Agenturorganisationen.

Open structures eignen sich für viele Branchen und Betriebsformen und stellen diesen einen universellen, modularen Baukasten zur Verfügung. Jeder kann nach Bedarf Teile (neu) kombinieren, hinzufügen, weglassen, die zudem später wiederverwendet werden können. In jedem Fall werden sie Aristoteles gerecht: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“.

„Zwischen Untergang und Nobelpreis liegt nur ein Designprinzip“, kommentiert Florian Pfeffer den vermeintlichen Widerspruch, dass zwei Personen mit derselben Idee, nämlich Geld zu verleihen, einerseits untergehen und andererseits den Nobelpreis erhalten. (1) Gemeint sind Richard Fuld von Lehman Brothers und Muhammad Yunus. Während jedoch Fuld Teil einer zentralistischen, sternförmigen Struktur ist, ist Yunus einer von vielen Netzwerkknoten einer Peer-to-Peer-Organisation für Mikrokredite.

Folgende Gegenüberstellung mag dies noch einmal verdeutlichen:(2)

Zentralisiertes Netzwerk
Investoren, Mäzene, Stiftungen
Brockhaus
Bankenkredit
Agentur, Büro
Original/Kopie
Universität
Marke als Leuchtturm
Medium

Peer-to-Peer-Netzwerk
Kickstarter
Wikipedia
Mikrokredit
Cocreation, Mikrobüros
Meme, Shanzhai
Ad-hoc-Wissensnetzwerke
Marke als Plattform
Mem

 

(1) Florian Pfeffer, To Do: Die neue Rolle der Gestaltung in einer veränderten Welt. Strategien, Werkzeuge, Geschäftsmodelle. Verlag Herrmann Schmidt Mainz, 2014
(2) Pfeffer, To Do, 004

Die oben beschriebenen Strukturen eignen sich in besonderer Weise für Kreativunternehmen. Genau das macht sie volkswirtschaftlich relevant. Konsens ist, dass sich Arbeit grundlegend verändert hat und die meisten Berufsbilder sich dramatisch verändert haben, nicht wenige sind sogar verschwunden. Weitere Veränderungen werden folgen, die meisten früher statt später. Handlungsleitend müssen deshalb die künftig erforderlichen Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten sein. Absehbar ist bereits heute, dass Kompetenzen wie Kreativität, vernetztes Denken, disruptives Denken eine entscheidende Rolle spielen (werden). Das heißt, Designer, Autoren, Musiker werden mit ihren spezifischen Fähigkeiten einen erheblichen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg deutscher Unternehmen und damit der deutschen Volkswirtschaft leisten.

gesellschaftlich

Insbesondere die Solo-Selbstständigkeit wird nach wie vor als Notlösung gesehen, weil eine unbefristete abhängige Beschäftigung nicht gefunden werden kann. Wie hoch bei Umfragen der Anteil der Befragten ist, die sich eine unbefristete, abhängige, tariflich gebundene Arbeit wünschen, hängt entscheidend von der gesellschaftlichen Akzeptanz und Relevanz von Beschäftigungsverhältnissen ab. Existenzgründung und natürlich auch Risikofreude erfreuen sich hierzulande keiner großen Beliebtheit. Wir müssen uns schon fragen (lassen), warum die junge Generation wieder mehr auf Sicherheit orientiert?



politisch

Zusätzlich zu bestehenden Förderinstrumenten für Existenzgründer sind Maßnahmen zur Unterstützung offener Netzwerkstrukturen außerhalb technologieorientierter Branchen vonnöten. Auch Solo-Selbstständige aus nicht-technologieorientierten Wirtschaftszweigen müssen die Chance haben, in einer vorübergehend geschützten Atmosphäre Netzwerkstrukturen aufzubauen und zu erproben. Dies um ihrer eigenen Positionierung wie auch des unternehmerischen Erfolges in Netzwerkstrukturen willen, aber auch um kollaborativ markttaugliche Produkte und Leistungen zu entwickeln oder branchenrelevante Arbeitsmittel und –prozesse (weiter-) zu entwickeln. Entsprechende Förderprogramme sind bislang Netzwerken vorbehalten, die mindestens einen Technologiepartner dabei haben. Mit Blick auf die absehbare volkswirtschaftliche Relevanz solo-selbstständiger Unternehmen sollten andere Voraussetzungen geprüft und erwogen werden.

Darüber hinaus ist zu erwägen, ob Instrumente entwickelt werden, die es KMU erleichtern, kreativitätsfördernde Strukturen und Prozesse in ihren Betrieben zu etablieren, um damit ihre Wettbewerbsfähigkeit in der Industrie 4.0 zu verbessern. Erfreulicherweise gewinnt zum Beispiel das Thema Designmanagement immer mehr an Bedeutung, allerdings wie nur allzu oft in den großen Unternehmen. Dies wird perspektivisch auch in mittelständischen Unternehmen relevant werden.


sozial

Solo-Selbstständigkeit wird sich auch künftig durch Schwankungen bei den Einnahmen auszeichnen. Der Gründe dafür gibt es viele, aber zumindest wird es immer weniger die schlechte Auftragslage sein. Vielmehr kommen hier Wünsche wie mehr Zeit für Familie, Freizeit und gesellschaftliches Engagement zum Tragen. Daher brauchen die Solo-Selbstständigen eine Form der Sozialversicherung und Altersvorsorge, mit der sie flexibel in der jeweiligen Lebensphase agieren können. Hier ist insbesondere darauf hinzuweisen, dass der Mindestbeitrag zu Sozialversicherungen, wie zum Beispiel Krankenkassen, dringend überprüft werden muss. Es muss davon ausgegangen werden, dass die Zahl derer, die zumindest vorübergehend ein geringes Einkommen aus ihrer selbstständigen Tätigkeit erzielen, weiter zunehmen wird.  Im Sinne der sozialen Marktwirtschaft und einer Gesellschaft der weitgehenden Teilhabe dürfen diese Erwerbstätigen nicht aus der Sozialversicherung herausfallen und im Ernstfall ohne den nötigen Schutz dastehen.

Gleichermaßen braucht es stabile Modelle für eine kontinuierliche Altersvorsorge. Hier muss die Absicherung durch die staatliche Rentenversicherung (meist im Zusammenspiel mit privaten Vorsorgemaßen) geprüft werden. Soll das solidarische Prinzip, das grundsätzlich zu begrüßen ist, aufrecht erhalten werden, wird es wohl tiefgreifende systemische Änderungen brauchen, die auf einen fairen Ausgleich zwischen allen Menschen zielen.


wirtschaftlich


Die deutsche Volkswirtschaft wird von den Solo-Selbstständigen immer mehr profitieren. Daher müssen Existenzgründungen attraktiv sein. Dies wird erreicht durch Finanzierungs- und Kapitalisierungsmodelle, die nicht erst dann wirksam werden, wenn der Erfolg einer Unternehmung bereits vor ihrem Beginn zu 100% garantiert wird. Eine Volkswirtschaft, die von Erfinder- und Innovationsgeist lebt, muss das Scheitern zulassen können. Momentan ist es stigmatisiert in einer Weise, dass potentielle Gründer aus Angst davor von ihrer Gründungsidee absehen. Dabei ist auch zu beachten, dass der absehbare Fachkräftemangel in der deutschen Wirtschaft den Schritt in die abhängige Beschäftigung erleichtern wird. Der deutschen Industrie gilt all unser Respekt, aber kreative Ideen und Innovationsgeist haben es in etablierten Unternehmensstrukturen zumindest nicht einfacher als in Peer-to-Peer-Strukturen. Die Gefahr besteht, dass wertvolles Kreativitäts- und Innovationspotential nicht genutzt wird.


rechtlich

Die oben beschriebenen offenen Strukturen brauchen den angemessenen gesellschaftsrechtlichen Rahmen, der den Netzwerkpartnern die nötige Rechtssicherheit bietet. Die bislang üblichen Formen wie GbR oder UR reichen dafür nicht aus. Darüber hinaus braucht es tragfähige gesetzliche Grundlagen für die Nutzungs- und Verwertungsrechte an kollaborativ entwickelten Produkten und Leistungen. Urheber- und Miturheberschaft müssen wirksam und verständlich geschützt sein, ohne Weiterentwicklung oder –verwendung kategorisch auszuschließen.

Ja, das brauchen wir, ziehen wir einen weiteren Aspekt der open structures in Betracht:

„Mit OpenStructures lassen sich nicht nur Produkte in einer flachen Hierarchie entwerfen. Dieses Modell kann ebenso gut als Blaupause für eine alternative Ökonomie verstanden werden, in der Kooperation und der gemeinsame Nutzen profitabler sind als Originalität und Abgrenzung.“ (3)

Damit stellen wir auch tradierte Erfolgsindikatoren wie Wachstum oder Wohlstand wenn nicht in Frage so zumindest ihre gängige Definition zur Disposition. Bereits heute werden Strömungen immer stärker und sichtbarer, die eine Abkehr von der Idee fordern, dass es das Wirtschaftswachstum ist, was wir dringend brauchen, um Wohlstand zu sichern und auszubauen. Wir können es hier auch mit Bernd Sommer und Harald Welzer halten:

„Politisch steht nicht weniger als das Zivilisierungsmodell der expansiven Moderne zur Debatte. Bislang haben wir weder ein theoretisches Modell noch ein empirisches Beispiel für eine moderne Gesellschaft, die die zivilisatorischen Merkmale Freiheit, Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsversorgung bei gegenüber heute stark reduzierten ökologischen Belastungen realisiert.“

Beide Zitate fordern geradezu dazu auf, unsere gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und soziale Entwicklung als einen systemischen Wandel zu verstehen und als Chance zu begreifen.  Das bedeutet auch, Arbeit als solche, ihre Funktion für jeden Einzelnen genauso wie für die Allgemeinheit neu zu denken und ggf. bestehende Rahmenbedingungen so zu verändern, dass ein neues, zeitgemäßes Leitbild von Arbeit entstehen kann.

Wir sind überzeugt, das größte Potential für diesen Prozess bringen solo-selbstständige Designer mit.

 

(3) Pfeffer, To Do, 002


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