Mit guter Arbeit in die Zukunft

Nachfolgend lesen Sie einen Gastbeitrag von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles aus der Mindener Tageblatt-Ausgabe vom 18. September 2015. Darin äußert sie sich unter anderem zur Digitalisierung, welche sie als eine Chance ansieht, sowie zur OWL, die sie für ein gelungenes Beispiel für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt hält.
Junges Team arbeitet am Laptop

Mit der Digitalisierung von Wirtschaft und Arbeitswelt kommen tief greifende Veränderungen auf uns zu. Im Sommer habe ich Unternehmen in Süddeutschland und den USA besucht. Dies hat mir einmal mehr verdeutlicht: Die Zukunft der Arbeit findet schon statt. Nicht nur im Silicon Valley, sondern auch in Unternehmen in Ulm, Ludwigsburg und Unterföhring. Einige Branchen wie die Musikindustrie oder der Einzelhandel haben sich stark gewandelt.

In anderen Branchen fängt die Digitalisierung erst an. Wie verändert die Digitalisierung unsere Arbeitswelt? Wie werden wir morgen arbeiten? Das sind für mich zentrale Zukunftsfragen für unser Land.

Bei meiner Sommerreise habe ich schon kluge und kreative Entwürfe für die Zukunft der Arbeit erleben können, die geschickt gute Arbeitsbedingungen und wirtschaftlichen Erfolg miteinander verknüpfen. Damit diese Arbeitswelt der Zukunft aber kein Privileg der wenigen bleibt, sondern zur Realität für alle Menschen in Deutschland wird, müssen wir jetzt die Gestaltungsfrage stellen: Wie wollen wir morgen arbeiten? Wie können wir in einer digitalen und flexiblen Ökonomie neue Chancen auf persönliche Freiräume und sozialen Aufstieg schaffen? Wie können wir in einer alternden Gesellschaft und zugleich digitalisierenden Wirtschaft Innovationskraft sowie Produktivität stärken und damit wirtschaftliche Prosperität sichern?

Technologischer, wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt sind für mich untrennbar verbunden. Wir werden nur gewinnen, wenn wir einen engen Dialog mit allen Beteiligten suchen. Aus diesem Grund habe ich den Dialogprozess Arbeiten 4.0 ins Leben gerufen. Ich will gemeinsam mit Unternehmen, Gewerkschaften, Verbänden, der Wissenschaft und den Bürgerinnen und Bürgern Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen entwickeln, damit unser Land auch künftig technologisch und wirtschaftlich Spitze sowie gesellschaftlich und sozial Vorbild sein kann. Dabei geht es nicht nur um den technologischen Wandel, sondern auch um die sich verändernden Anspruchs- und Bedarfslagen der Menschen.

Deshalb habe ich ein Grünbuch „Arbeiten 4.0“ herausgegeben, das die zentralen Herausforderungen skizziert und die wichtigen Handlungsfelder aufzeigt. Es geht um die Frage, wie wir die Menschen ausreichend für den Wandel qualifizieren können, wie wir Arbeit, Familie und Freizeit in den verschiedenen Lebensphasen besser vereinbaren können, aber auch darum, wie wir die Beschäftigung in Deutschland erhalten können.

Wir sind mitten in diesem Dialog und werden ihn in den kommenden Monaten weiter mit Expertinnen und Experten, mit Sozialpartnern und Verbänden, aber auch mit den Bürgerinnen und Bürgern führen.

Am Schluss des Dialogprozesses werden wir Ende 2016 ein Weißbuch vorlegen, das unsere Gestaltungsoptionen beschreibt. Unser Ziel ist ein Weißbuch mit einem Reservoir politischer Möglichkeiten auf kurz-, mittel- und langfristige Sicht.

Auch wenn wir uns noch mitten im Dialog befinden, ist eines für mich schon jetzt klar: Wandel der Arbeit und faire sowie verlässliche Arbeitsbedingungen gehören zusammen.

An diesem Punkt entscheidet sich eine ganze Menge. Wir müssen in Deutschland Arbeit so gestalten und organisieren, dass die ureigenen Fähigkeiten der Menschen – Kreativität, Empathie und Urteilskraft – mit den technologischen Möglichkeiten von Computern und Robotern sinnvoll kombiniert und die Menschen zu Gestaltern der eigenen Arbeit werden. Technik allein führt nicht zu guter Arbeit für alle.

Wenn wir die Chancen der Digitalisierung nutzen wollen, dann darf die Gestaltung der Arbeit der Zukunft nicht nur an den technologischen Möglichkeiten ansetzen, sie muss die Bedürfnisse, berechtigten Ansprüche und Fähigkeiten der Menschen ins Zentrum rücken.

Mit Blick auf die neuen technologischen Möglichkeiten – vom selbstfahrenden Auto über den persönlichen Assistenten im Handy bis zum 3- D-Drucker – fragen sich viele Menschen: Bedeutet Digitalisierung, dass wir in Zukunft alle durch Roboter und Computer ersetzt werden. Durch den Blätterwald geistert momentan die Schreckenszahl, dass die Hälfte aller Jobs in den nächsten 10 bis 20 Jahren durch Automatisierung wegfallen könnten. Ich habe mir diese Studien mal genauer angeschaut. Da geht es gar nicht um die Wahrscheinlichkeit eines Arbeitsplatzverlustes, sondern nur um die technologischen Möglichkeiten der Automatisierung.

Nach aktuellen Berechnungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) weisen nur zwölf Prozent der deutschen Arbeitsplätze ein Tätigkeitsprofil mit einer hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit in den kommenden 10 bis 20 Jahren auf. Automatisierungstechnologien müssen aber nicht notwendigerweise Arbeitsplätze verdrängen. Solange Beschäftigte in der Lage sind, ihre Fähigkeiten den veränderten Anforderungen im Betrieb anzupassen und neue Technologien als Arbeitsmittel einzusetzen, bleiben sie höchst nachgefragte Fachkräfte.

Zudem entstehen durch die Digitalisierung auch vollkommen neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Ich sage ganz klar: Die Arbeit wird uns nicht ausgehen. Mit der Digitalisierung haben wir die Chance auf neue und bessere Arbeitsplätze. Wichtig ist, dass wir uns darum kümmern, wo neue Arbeit entsteht, unter welchen neuen Bedingungen dies geschieht und dass auf dem Weg dorthin niemand auf der Strecke bleibt.

Bei allen Unwägbarkeiten hinsichtlich zukünftiger Entwicklungen und deren Prognose ist eines klar: Die beste Jobvorsorge sind rechtzeitige und kontinuierliche Weiterbildung und Qualifizierung. Damit die Digitalisierung zum Erfolg für Unternehmen und Beschäftigte wird, müssen Ausbildung und Qualifizierung so ausgebaut werden, dass alle Menschen ihr Potenzial voll entfalten können und dass Menschen mit fehlenden oder mit veralteten Qualifikationen neue Chancen finden – nicht zuletzt damit wir auch morgen genügend Fachkräfte haben.

Trotz der zunehmenden Bedeutung lebenslangen Lernens gleicht die Fort- und Weiterbildung in Deutschland jedoch einem Flickenteppich. Auch die Weiterbildungsbereitschaft und -möglichkeiten sind ungleich verteilt. So lag letztes Jahr die Beteiligung an Weiterbildung bei Personen mit hohem Schulabschluss, also Fachabitur und darüber, bei 62 Prozent.

Bei einem niedrigeren Abschluss jedoch nur bei 36 Prozent. Eine zentrale Herausforderung liegt deshalb darin, für alle – und gerade auch für Niedrigqualifizierte – die Hürden für Weiterbildung zu senken und Brüche in den Erwerbsbiografien aktiv zu begleiten. Phasen der Weiterbildung und Qualifizierung, aber auch andere gesellschaftlich erwünschter Auszeiten, z. B. für Familie und Pflege, erfordern mehr zeitliche Flexibilität. Gute Arbeit der Zukunft wird daher auch durch mehr Zeitsouveränität und eine stärkere Lebensverlaufsperspektive gekennzeichnet sein.

Auf der einen Seite drängen Just-in-time-Produktion und internationale Arbeitsteilung die Unternehmen zu mehr Flexibilität. Auf der anderen Seite wollen die Menschen mehr Selbstbestimmung über ihre Arbeitszeit. Die Interessen der Wirtschaft und die Ansprüche der Beschäftigten lassen sich durchaus zusammenbringen, wenn wir neue, flexible Arbeitszeitmodelle in den Betrieben entwickeln und erproben.

Als fairen Rahmen brauchen wir einen gesellschaftlich verankerten neuen Flexibilitätskompromiss, damit die Arbeitszeit im Lebensverlauf „atmen“ kann.

Wie die Arbeit in Deutschland in Zukunft aussehen wird, hängt zudem nicht zuletzt auch davon ab, welche Geschäftsmodelle sich entwickeln. Viele von uns erleben digitale Plattformen, beispielsweise zur schnellen und unkomplizierten Organisation von Reinigungsleistungen, als durchweg positiv. Denn als Kunden wollen wir günstige, schnelle und individuelle Produkte und Dienstleistungen.

Natürlich ist es für die gut qualifizierte Doppelverdiener-Familie attraktiv, sich flexibel zu jeder Tageszeit und an jedem Tag der Woche „auf Bestellung“ eine Putzhilfe buchen zu können. Wir müssen aber auch an die alleinerziehende Mutter denken, die sich oftmals hinter diesem „auf Bestellung“ verbirgt. Kann sie auch zu jeder Tageszeit und an jedem Tag der Woche die Betreuung ihres Kindes sicherstellen?

Die attraktiven Dienstleistungsangebote der einen haben also auch Auswirkungen auf die Bedarfslagen der anderen. Diese Entwicklungen müssen wir gesamtgesellschaftlich betrachten.

Nun kommen viele der neuen Geschäftsmodelle nicht aus Europa, sondern aus dem Silicon Valley. Auf meiner Sommerreise habe ich mir Google, Facebook und einige andere Unternehmen angeschaut. Natürlich ist es beeindruckend, mit welcher Geschwindigkeit dort neue Ideen entwickelt und zu globalen Geschäftsmodellen gemacht werden.

Ich habe in den USA, dort wo die Auswirkungen der Digitalisierung bereits deutlich stärker zutage treten, aber auch gesehen, wie schlecht es den Verlierern eines Wirtschaftswunders à la Silicon Valley geht. Gerade deshalb tun wir gut dran, uns frühzeitig mit der Gestaltung einer digitalen Arbeitswelt zu beschäftigten. Gleichzeitig haben mir meine Gesprächspartner bestätigt: In den USA schaut man beeindruckt auf das deutsche Wirtschafts- und Sozialmodell, auf die bewährten sozialpartnerschaftlichen Aushandlungsprozesse.

Gut ausgebildete Fachkräfte, kreative Produkt- und Prozessinnovationen, soziale Stabilität und Ausgleich sind in Deutschland seit Langem untrennbar miteinander verwoben. Die Kooperation zwischen den Akteuren aus der Wirtschaft und der Arbeitnehmerschaft ist das Markenzeichen der Sozialen Marktwirtschaft. Ich bin daher überzeugt: Wir brauchen auch jetzt einen eigenen, einen europäischen Weg in das digitale Zeitalter. Einen Weg, der Innovation und Soziale Marktwirtschaft auch in Zukunft zusammendenkt.

Dazu müssen wir in Europa, in Deutschland und vor allem ganz konkret in jedem Unternehmen und Betrieb nach zukunftsweisenden Antworten suchen. Die Region Ostwestfalen ist hierfür ein besonders gutes Pflaster. Das Spitzencluster „IT´s OWL – Intelligente Technische Systeme OstwestfalenLippe“ gilt bundesweit als eine der größten Initiativen für die industrielle Fertigung der Zukunft. Nicht ohne Grund hat das Bundeswirtschaftsministerium die Region Ostwestfalen-Lippe 2014 als eine der innovativsten und effizientesten Regionen in Deutschland ausgezeichnet.

Für mich ist die Region vor allem auch ein gelungenes Beispiel dafür, dass wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt zusammengehören. Denn seit dem Start des Spitzenclusters sind rund 5000 neue Arbeitsplätze in den Clusterunternehmen und 500 Stellen für Wissenschaftler in den Hochschulen und Forschungseinrichtungen neu geschaffen worden. Das ist Arbeiten 4.0 ganz nach meinem Geschmack.

Quelle: Mindener Tageblatt, Ausgabe vom Freitag, 18. September 2015, Nr. 217