"Wir haben es mit sehr unterschiedlichen Wertewelten zu tun."

Die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles, im Interview mit der Wirtschaftswoche vom 11. März 2016.
Aus der Vogelperspektive sieht man einen Konferenztisch, der mit verschiedenen Arbeitsmaterialien bestückt ist.

Wirtschaftswoche: Frau Nahles, kommende Woche ziehen Sie Halbzeitbilanz ihrer Ideenwerkstatt Arbeiten 4.0. Sie haben untersuchen lassen, wie Deutsche ihre Berufswelt einschätzen. Wie schätzen Sie denn Ihre eigene Arbeit ein?

Andrea Nahles: (lacht) Ich ordne mich da natürlich als Höchstleisterin ein, was denken Sie denn? Aber im Ernst: Mich hat bei der Auswertung der Studie überrascht, wie positiv und wichtig die Leistungsträger in Deutschland die Rolle des Staates bewerten. Unter ihnen finden sich etwa sehr viele Befürworter eines Mindestlohnes.

Wirtschaftswoche: Ihre Studie zeigt vor allem: Den einen deutschen Arbeitnehmer gibt es nicht.

Andrea Nahles: „One size fits all“: Diese Denke von gestern passt nicht mehr in die moderne Arbeitswelt. Was die Bürger von ihrer Arbeit wollen, was sie sich erhoffen oder was sie fürchten, ist höchst individuell. Wir haben es mit sehr unterschiedlichen Lebenssituationen und Wertewelten zu tun. Wir Politiker müssen daraus lernen: Es gibt in vielen Themen nicht mehr die eine gesetzliche Lösung, die allen gerecht wird.

Wirtschaftswoche: Forscher überbieten sich gerade in Prognosen, wann der letzte Job vernichtet sein wird. Sie auch?

Andrea Nahles: Mich erinnert das an Jacques Derridas schönen Satz: Die Katastrophe ist nah, doch die Apokalypse ist von langer Dauer. Natürlich verändert sich gerade vieles. Und das ist für ein Land wie Deutschland, in dem sich Menschen stark über ihren Job definieren, eine besondere Herausforderung. Aber unsere Arbeitnehmer sind dadurch weder gelähmt, noch gehen sie mit naivem Optimismus an die digitale Arbeitswelt heran.

Wirtschaftswoche: Wie geht man als Politikerin damit um?

Andrea Nahles: Es gibt keine homogene Arbeitnehmerperspektive mehr, ebenso wenig wie es die eine Arbeitgeberperspektive noch gibt. Das mögen die großen Verbände und Gewerkschaften nicht gern hören. Aber mehr zeitliche Flexibilität beispielsweise, die es jetzt schon gibt, empfinden manche Arbeitnehmer als Zugewinn an Freiheit. Andere wiederum empfinden es als puren Druck. Zwischen diesen Gruppen müssen wir Politiker Brücken bauen, etwa bei der Arbeitszeit.

Wirtschaftswoche: Heißt das, Sie wollen das Arbeitszeitgesetz ändern?

Andrea Nahles: Das Arbeitszeitgesetz wird auch in Zukunft zum Schutz der Arbeitnehmer unverzichtbar sein, aber es sollten passgenauere Lösungen ermöglicht werden. Grundsätzlich wünsche ich mir, dass so viele Lösungen wie möglich direkt in den Betrieben gefunden werden. Die wissen am besten, was sie brauchen. Bei Bosch haben sie beispielsweise ein gutes Modell erdacht: Wer nachmittags früher gehen will, um mit den Kindern Abendbrot zu essen, und weiterarbeitet, wenn die Kleinen im Bett sind, verzichtet abends auf den eigentlich fälligen Nachtzuschlag.

Wirtschaftswoche: Sie sind als Ministerin auch Arbeitgeberin. Wie flexibel können Mitarbeiter mit Kindern bei Ihnen arbeiten?

Andrea Nahles: Unsere Morgenlagen beginnen erst um neun Uhr, damit meine Mitarbeiter – und auch oft ich – erst die Kinder in die Kita bringen können. Und es ist völlig okay für jeden, der dringend Zeit zu Hause verbringen muss, sich per Schalte einzuklinken. Manche gehen früher und setzen sich dann später zu Hause noch mal an die Arbeit. Wir machen vieles möglich. Wir reden hier nicht wie die Blinden von der Farbe.

Wirtschaftswoche: Muss Ausbildung in Deutschland auch flexibler werden, gerade im Mittelstand?

Andrea Nahles: Ich will, dass die Bundesagentur für Arbeit gemeinsam mit Firmen Weiterbildung entwickeln und anbieten kann. Ab August wird etwa möglich sein, Weiterbildung nicht nur während, sondern ebenso nach der Arbeit zu fördern. Das hilft gerade dem Mittelstand.

Wirtschaftswoche: Aber der Input müsste aus den Betrieben kommen?

Andrea Nahles: Ja, und das passiert überall in der Republik. Im Containerterminal in Hamburg-Altenwerder beispielsweise: Den Wandel zu einem der meistautomatisierten Häfen der Welt haben die Betreiber dort hervorragend gemeistert, indem sie weniger hoch Spezialisierte ausbilden, dafür mehr Generalisten, die flexibler sind. Das hat sich sogar mein amerikanischer Amtskollege Thomas Perez gerade extra angesehen. Er war sehr beeindruckt. An der US-Westküste hat es nämlich nicht gut geklappt, eine ähnliche Transformation ohne massive Jobverluste zu gestalten.

Wirtschaftswoche: Sollte es einen Anspruch auf Qualifizierung geben?

Andrea Nahles: Ich strebe einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung an. Im Grunde brauchen wir aber noch mehr: Qualifizierungsketten von der Kita bis zur Rente.

Wirtschaftswoche: Eine Gruppe fällt in diesen Debatten allerdings meist hinten runter: die Selbstständigen.

Andrea Nahles: Derzeit haben wir wegen der guten Arbeitsmarktlage weniger Selbstständige, denn Arbeitnehmer werden händeringend gesucht. Langfristig aber bin ich sicher, dass deren Zahl wachsen wird. Umso wichtiger wäre eine gute Absicherung. Entweder machen wir die Rentenversicherung für Selbstständige attraktiver oder entwickeln einen eigenständigen Versorgungsweg, etwa analog zur Künstlersozialkasse. An beiden Modellen arbeiten wir.

Wirtschaftswoche: Viele Selbstständige wollen gar nicht vom Staat gerettet werden.

Andrea Nahles: Stimmt, gerade kleine Start-up-Unternehmer sind oft fest davon überzeugt, das nächste Google zu werden. Sie denken kaum an Vorsorge. Wissen Sie, mich erinnert das immer an die Tischtennisplatte.

Wirtschaftswoche: Die Tischtennisplatte?

Andrea Nahles: Im New-Economy-Boom haben mir viele Gründer gesagt: Wozu einen Betriebsrat, wir besprechen alles bei einer Runde Pingpong in unserem schicken Großraumbüro. Erst als die Internetblase platzte, haben sie begriffen, wie naiv das war.

Wirtschaftswoche: Die große Koalition streitet gerade heftig über Flüchtlingskosten. Auch Sie wollen mehr Geld von Wolfgang Schäuble.

Andrea Nahles: Wenn wir verhindern wollen, dass sich die angespannte Stimmung in unserem Land weiter zuspitzt und dauerhaft festsetzt, müssen wir alles daransetzen, dass Integration gelingt. Wir müssen dafür sorgen, dass wir denjenigen, die länger hier bleiben werden, auch das Beste abverlangen und ihr Potenzial nutzen. Ich bin davon überzeugt, dass es sich lohnt, junge Leute zu Fachkräften auszubilden und sie nicht in Handlangerjobs sich selbst zu überlassen. Dafür brauchen wir Startinvestitionen, die einen Finanzminister vielleicht erst einmal schocken. Aber wenn wir jetzt nicht investieren, machen wir einen schweren Fehler. Das sind ganz überwiegend junge Menschen, da zahlt sich die Investition doppelt und dreifach aus – und ich freue mich dann als Rentenministerin.

Wirtschaftswoche: SPD-Chef Sigmar Gabriel hat nun ein Solidarprojekt für Deutsche gefordert, damit die sich nicht zurück‧gesetzt fühlen. Verstehen Sie dieses Argument – und muss es sich im Haushalt 2017 in neuen Milliardenausgaben niederschlagen?

Andrea Nahles: Ja, ich habe immer gesagt, wir dürfen die einen nicht gegen die anderen ausspielen und in unseren Anstrengungen nicht nachlassen für die, die schon lange hier heimisch sind. Die Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit muss weiter oberste Priorität haben. Und wir müssen Wort halten, was unsere Vereinbarungen aus dem Koalitionsvertrag angeht. Deshalb stößt es auf meinen entschiedenen Widerstand, wenn aus CDU und CSU jetzt auf einmal fest vereinbarte Versprechen infrage gestellt werden.

Wirtschaftswoche: Eines Ihrer Herzensanliegen ist die Lebensleistungsrente. Der Wirtschaftsflügel der Union will davon aber nichts wissen. Was sagen Sie denen?

Andrea Nahles: Wir haben die solidarische Lebensleistungsrente im Koalitionsvertrag festgeschrieben, die Menschen verlassen sich darauf, und ich lege noch in diesem Jahr einen Gesetzentwurf vor. Es kann doch nicht sein, dass jemand, der fast sein ganzes Leben lang geschuftet hat, am Ende zum Amt gehen muss.

Titelblatt der Studie "Wertewelten Arbeiten 4.0"

Im Rahmen der Studie „Wertewelten Arbeiten 4.0“ wurden 1.200 Personen auf Basis des Mikrozensus von 2013 über ihre Vorstellungen zum Thema „Arbeit in Deutschland“ befragt.

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Welcher Arbeitstyp sind Sie? Und was bedeutet Arbeit den Menschen in Deutschland? Finden Sie es heraus und nutzen Sie unser neues Online-Tool.

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In einem teils öffentlichen, teils fachlichen Dialog regt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales die Diskussion über die Zukunft der Arbeitsgesellschaft an.

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