"Der digitale Wandel überfordert uns nicht"

Wir können die Arbeit der Zukunft gestalten. Dafür müssen wir die Ansprüche und Fähigkeiten
der Menschen ins Zentrum rücken. Ein Namensbeitrag von Bundesministerin Andrea Nahles in der "Frankfurter Rundschau" (02.06.2015).
Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles sitzt auf einem Sofa in ihrem Büro.
Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles

Wir sind mitten in einem grundlegenden Wandel unserer Wirtschaft. Manche sagen sogar am Anfang eines zweiten Maschinenzeitalters oder am Beginn einer vierten industriellen Revolution. Dieser digitale Wandel verändert auch unsere sozialen Beziehungen und die Gesellschaft insgesamt. Ein wichtiger Schauplatz, an dem die Veränderungen sichtbar und spürbar werden, ist die Arbeitswelt. Auch wenn erst die Konturen dieser Veränderungen zu erkennen sind, so ist doch klar: Wir haben es hier mit einem Transformationsprozess zu tun, der gestaltet werden muss. Und gestaltet werden kann.

Die Sozialpartner spielen hierbei eine herausragende Rolle. Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann und die Abteilungsleiterin für Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, Claudia Bogedan, gehen auf die damit verbundenen Herausforderungen in ihrem gerade erschienenen Buch „Arbeit der Zukunft: Möglichkeiten nutzen – Grenzen setzen“ ein.

Entstanden ist ein Buch, das sich wohltuend von den vielen alarmistisch bis technikeuphorischen Blicken in die Glaskugel abhebt. Die rund 40 Vordenkerinnen und Vordenker verlieren sich in ihren Beiträgen nicht in Spekulationen, wie die Zukunft der Arbeit im Detail aussehen wird. Stattdessen entwickeln sie Ideen, wie sie aussehen sollte. Sie machen deutlich, dass die Gestaltung der Arbeit der Zukunft nicht nur an den technologischen Möglichkeiten ansetzen darf, sie muss die Ansprüche und Fähigkeiten der Menschen an Arbeit ins Zentrum rücken.

Das Buch lässt sich zu einigen Leitgedanken zusammenfassen, die für mich auch erste Antworten auf die Fragen beinhalten, die wir als Bundesarbeitsministerium in unserem Grünbuch „Arbeiten 4.0“ skizziert haben.

„Arbeit für alle“ bleibt ein wichtiges Ziel der Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik. Doch die These vom „Ende der Arbeit“ bekommt wieder neue Anhänger. Kaum ein Vortrag verzichtet derzeit auf die Nennung einer Studie der Oxford University zur Automatisierbarkeit von Berufen. Diese prognostiziert für den US-amerikanischen Arbeitsmarkt, dass 47 Prozent aller Jobs in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren im Zuge von Automatisierungsprozessen wegfallen könnten.

Eine bislang unveröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung im Auftrag des BMAS (PDF, 1 MB), die diese Studie von Frey/Osborne aufgreift und auf den deutschen Arbeitsmarkt überträgt , kommt zu ganz anderen Ergebnissen. Dabei bewerten die Wissenschaftler nicht pauschal das Automatisierungspotential von Berufen, sondern von ausgeübten Tätigkeiten. Bei dieser Betrachtungsweise weisen zwölf Prozent der deutschen Arbeitsplätze ein Tätigkeitsprofil mit einer hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit in den kommenden 10 bis 20 Jahren auf. Zur Einordnung: Diese Zahl beschreibt das Automatisierungsrisiko, nicht die Wahrscheinlichkeit eines Arbeitsplatzverlustes; es sind weder Anpassungsprozesse noch das Entstehen neuer Beschäftigungsmöglichkeiten berücksichtigt. Daraus folgt für mich: Der digitale Strukturwandel fordert uns neue Antworten ab. Aber er überfordert uns nicht.

Qualifizierungsanforderungen steigen

Eine zentrale Einsicht des Buches von Hoffmann und Bogedan ist, dass gute Arbeit gute Bildung sowie breite Qualifizierungs- und Entwicklungschancen braucht. Denn mit der Digitalisierung der Arbeit steigen die Qualifizierungsanforderungen – nicht nur beim beruflichen Einstieg, sondern entlang der gesamten Erwerbsbiografie. Insofern ist Bildung nicht nur das Tor zu neuer Beschäftigung, sondern auch der Schlüssel für den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit.

Darüber hinaus wird gute Arbeit sich stärker an den individuellen Zeitbedarfen in den persönlichen Lebensphasen der Menschen orientieren. Just-in-time-Produktion, Entgrenzung und internationale Arbeitsteilung drängen die Unternehmen jedoch zugleich zu mehr Flexibilität. Die Beiträge des Bandes zeigen: Die Interessen der Wirtschaft und die Ansprüche der Beschäftigten lassen sich zusammenbringen. Unternehmen, Sozialpartner und Politik können einen neuen Flexibilitätskompromiss entwickeln.

Die Digitalisierung verändert nicht nur Branchen und Berufe, sondern hat auch Einfluss auf die Gestaltung und Organisation von Arbeit. Gute Arbeit verlangt, das Emanzipations- und Humanisierungspotenzial der neuen Technologien auch zu nutzen. Es gilt, zukunftsweisende Modelle zu entwickeln, welche die ureigenen Fähigkeiten der Menschen – Kreativität und Urteilskraft – mit den technologischen Möglichkeiten von Maschinen und Algorithmen sinnvoll kombiniert. Partizipation und Mitbestimmung sind nach meiner Überzeugung die besten Garanten dafür, dass technologische und soziale Innovationen Hand in Hand gehen.

Der rasante Wandel von Arbeit und Demografie erfordert schließlich, wie mehrere Beiträge des Bandes betonen, eine Weiterentwicklung der Institutionen der Arbeitsmarktpolitik. Die technischen Revolutionen müssen durch eine kluge Evolution des Sozialen begleitet werden. Gut ausgebildete Fachkräfte in ausreichender Zahl, kreative Produkt- und Prozessinnovationen, soziale Stabilität und sozialpartnerschaftlicher Ausgleich sind in Deutschland seit langem untrennbar miteinander verwoben. Wenn wir über „Industrie 4.0“ und „Arbeiten 4.0“ sprechen, dann führt uns das auch zur Frage nach der Zukunft der Sozialpartnerschaft. Wie könnte eine neue soziale Übereinkunft für die Arbeit der Zukunft und damit auch für die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft aussehen?

Der umfangreiche Band von Hoffmann und Bogedan liefert hierzu zahlreiche gute Anregungen. Es wird deutlich, dass wir nicht auf „die Wirtschaft“ schauen sollten, sondern sehr konkret Wertschöpfungsnetze und einzelne Branchen in den Blick nehmen müssen. Hierzu gehören auch die Entwicklungsdynamiken in den Bereichen der Wirtschaft, die zunächst weniger stark von der Digitalisierung betroffen sein werden. Ich denke hier zum Beispiel an soziale Dienstleistungen im Pflege-, Gesundheits- und Bildungsbereich. Zum anderen sollten wir über die Verantwortung der Gesellschaft gegenüber denjenigen diskutieren, die mit der Geschwindigkeit des digitalen Wandels nicht mithalten können.

Es lohnt sich, die Debatte zum digitalen Wandel breit zu führen und Zusammenhänge herzustellen. Die Arbeit der Zukunft betrifft uns zum Beispiel nicht nur als Beschäftigte, Selbständige oder Unternehmer, sondern auch als Bürgerinnen und Bürger. Als Kunden wollen wir günstige, schnelle und individuelle Produkte und Dienstleistungen. Doch wollen wir dabei wirklich Geschäftsmodelle unterstützen, die ignorant gegenüber den damit einhergehenden Arbeitsbedingungen sind und Daten der Kunden als ihr „Kapital“ ansehen?

Wenn der „Plattform-Kapitalismus“ zum dominierenden Geschäftsmodell wird, dann wird es für die Zukunft entscheidend sein, wie wir mit dieser Doppelrolle umgehen und ob wir nicht Allianzen von Wirtschaft, Arbeitnehmern und Konsumenten für „faire Plattformen“ brauchen. Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland eine offene Debatte über die soziale Verantwortung digitaler Geschäftsmodelle führen. Denn: Sozial verantwortliches Unternehmertum ist in Deutschland seit jeher Garant für betriebliche Innovationskraft und gesamtwirtschaftliche Prosperität.

Dieses Buch stellt die richtigen Fragen und gibt einige kluge, nach vorne gerichtete Antworten für eine „neue Ordnung der Arbeit“. Damit ist es ein wichtiger Debattenbeitrag. Die Arbeit der Zukunft findet weder in den Wolken noch in der Glaskugel statt. Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass die Menschen in unserem Land auch in Zukunft gesund, motiviert und qualifiziert arbeiten können – ob an der Werkbank oder dem Schreibtisch, analog oder digital. Das ist unser Gestaltungsauftrag.