Pluralisierung der Ansprüche an Arbeit

One-Size-Fits-All-Lösungen gehören der Vergangenheit an
24.11.2016

In meinem gestrigen Beitrag habe ich darüber geschrieben, wie man den Wandel der Arbeitswelt von und in Unternehmen gestalten kann. Dort habe ich unter anderem deutlich gemacht, dass eine Veränderung der Unternehmens- und Führungskultur erforderlich ist, die auch den veränderten Ansprüchen der Beschäftigten gerecht wird.

Dabei weist die "Entdeckung" immer neuer Generationen (wie der Generationen "X" und "Y") auf einen Wertewandel hin. Jedoch neigen solche generalisierenden Generationenbeschreibungen dazu, Kontinuitäten zu vernachlässigen: So bleibt auch für heutige Berufseinsteiger ein gesicherter und gut bezahlter Arbeitsplatz der wichtigste Aspekt guter Arbeit.

Sinnvoller scheint es, die Differenzierung der Ansprüche der Erwerbstätigen an Arbeit und den Sozialstaat in ihrer Gesamtheit in den Blick zu nehmen. Darum haben wir im Zuge unseres Weißbuchprozesses genau zu dieser Frage eine große Studie durchgeführt. In dieser, vom BMAS geförderten Studie "Wertewelten Arbeiten 4.0" wurden 1.200 Bürgerinnen und Bürger in Tiefeninterviews befragt, wie sie die heutige Arbeitswelt sehen und welche Arbeitswelt sie sich für die Zukunft wünschen. Sie können es auch selbst ausprobieren. Unter diesem Link können Sie - in einer stark verkürzten Version - selbst herausfinden, welcher Arbeitstyp Sie sind.

Die Ergebnisse der Studie zeigen dabei vor allem eines deutlich: Die Ansprüche an Arbeit werden vielfältiger, und das über sozio-demografische Trennlinien wie Alter, Einkommen oder Ausbildung hinweg.

Was für die einen wünschenswerte Zukunft ist, stellt für die anderen ein bedrohliches Szenario dar. Und selbst, wo es auf den ersten Blick Gemeinsamkeiten gibt, muss man genauer hinschauen: So wollen beispielsweise alle Beschäftigten eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Aber zugleich versteht jeder etwas anderes darunter: Für die einen bedeutet es eine klarere Trennung von Arbeit und Privatleben, für die anderen sehr viel flexiblere Arrangements der Arbeitsgestaltung.

Sieben unterscheidbare Wertewelten lassen sich identifizieren, die jeweils von einer bestimmten, in sich konsistenten Idealvorstellung von Arbeit geprägt sind. Individuelle Leistungsorientierung, Solidargemeinschaft oder Selbstverwirklichung sind dabei einige Schlagworte, die die Unterschiedlichkeit der Idealvorstellungen deutlich machen.

Zugleich zeigt die Studie auch eine Zweiteilung unserer Gesellschaft. Auf der einen Seite gibt es großen Optimismus: Fast die Hälfte der befragten Erwerbstätigen geht davon aus, dass im Jahr 2030 die eigene Arbeitssituation nahe an der eigenen Idealvorstellung von Arbeit liegen wird. Insbesondere für Mitgestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten wird erwartet, dass sie klar an Bedeutung gewinnen werden.

Auf der anderen Seite steht ein gutes Drittel der Befragten: Diese Menschen haben das Gefühl, dass sich unsere Arbeitswelt – gerade auch durch die Digitalisierung – immer weiter von ihren Idealvorstellungen entfernt.

Diese unterschiedlichen Einstellungen stellen hohe Anforderungen an alle, die die Arbeitswelt von morgen gestalten wollen. Für den Gesetzgeber ebenso wie für die Sozialpartner, für die Führungskräfte in unseren Unternehmen ebenso wie für die Personalvertretungen. Alle Akteure müssen sich bewusst machen, dass Beschäftigte sehr unterschiedliche Ansprüche an ihre Arbeit haben und deshalb One-Size-Fits-All-Lösungen der Vergangenheit angehören - sowohl in der Gesetzgebung und bei Tarifverträgen, als auch bei der Arbeitsorganisation im einzelnen Unternehmen.