Mensch und Maschine in der vernetzten Industrie

24.04.2017

Heute startet die Hannover Messe und in diesem Jahr dreht sich alles um kollaborative Robotik, vernetzte und selbstlernende Systeme sowie den Einsatz Künstlicher Intelligenz in der industriellen Fertigung. Zum Glück ohne alarmistischen Grundton, was ein "Ende der Arbeit" angeht.

Das bietet die Chance, sich die Schnittstelle von Mensch und Maschine in der industriellen Produktion der kommenden Jahre einmal genauer anzusehen. Dabei scheint klar, dass sich neue Aufgabenverteilungen auf Basis der jeweiligen situativen und spezifischen Stärken ergeben. Aber auch in der Organisation der Produktion wird es Veränderungen geben: Bislang hierarchisch getrennte, nacheinander ablaufende Teilprozesse werden durch integrierte und gleichzeitig ablaufende sowie dezentrale Verfahren ersetzt. Auch dadurch stellt sich die Frage nach dem Zuschnitt von Aufgaben und der Verteilung von Rollen neu.

Dabei sollte auch in Zukunft der Mensch im Mittelpunkt stehen und das Leitbild Gute Arbeit in die Zukunft übersetzt werden. Dazu hatte ich bereits einen gesonderten Blogbeitrag geschrieben. Allerdings ist eine solche Entwicklung kein Selbstläufer. Denn was morgen Realität wird, hängt außer von der technischen Machbarkeit und ökonomischen Rentabilität immer auch von der gesellschaftlichen Aushandlung und Ausgestaltung ab. Zwei idealtypische Szenarien sind vorstellbar:

In einer stark technikzentrierten Komplementarität von Mensch und Maschine mit weitgehender Automatisierung vieler Arbeitsprozesse wird der "menschliche Anteil" auf Tätigkeiten reduziert, die aus technischen oder ökonomischen Gründen nicht automatisiert werden. Die Folge wären stark polarisierte Organisationen mit einer geringen Zahl einfacher, hochgradig fremdbestimmt tätiger Arbeitskräfte und einer Gruppe hochqualifizierter Planer, deren Qualifikationsniveau deutlich über dem bisherigen Facharbeiterniveau liegt.

Ebenso möglich - und gesellschaftlich vorzuziehen - ist ein Szenario menschenzentrierter Komplementarität, in dem der Mensch sowohl die gestaltende und entscheidende Autorität als auch der Erfahrungsträger bleibt, während seine Rolle im Arbeitsprozess durch smarte Werkzeuge und Assistenzsysteme aufgewertet wird.

Eine gestaltende Rolle der Menschen setzt aber entsprechendes Wissen voraus. Denn es gibt dann keine Trennung von Entwicklung, Steuerung und Ausführung von Produktionsprozessen mehr, sondern eine lockere Vernetzung hochqualifizierter und gleichberechtigt agierender Beschäftigter. Voraussetzung dafür wäre ein "Upskilling" in allen unternehmerischen Funktionsbereichen. Die Beschäftigtenstruktur in Deutschland bringt dafür gute Voraussetzungen mit, denn die meisten sind an Komplexität und Veränderung gewöhnt, besonders in den industriellen Kernbranchen wie Automobil oder Maschinenbau. Daran können weitere Qualifizierungsanstrengungen anknüpfen und damit sowohl die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie ausbauen als auch gute und humane Arbeit schaffen.

Im ersten Szenario einer technikzentrierten Gestaltung der Produktion wird das Erfahrungswissen bei zunehmend selbststeuernden Prozessen dagegen nur noch in Ausnahmen, sozusagen "just-in-time", abgerufen. Es ist die "Ironie der Automatisierung", dass der menschliche Überwacher gerade wegen der Automatisierung zunehmend seltener eingreift und dann, wenn es nötig ist, weniger in der Lage ist, die seltener werdenden, aber weiterhin auftauchenden Probleme des automatischen Systems zu lösen. Denn, wenn dieses überfordert ist, braucht es den Menschen, der die Unzulänglichkeiten autonomer Systeme durch sein Erfahrungswissen und per Kommunikation mit den Maschinen zu bewältigen weiß.

Gerade bei selbstlernenden Maschinen, die Prozessdaten für "Predictive Maintenance" nutzen (auch das ein großes Thema auf der diesjährigen Hannover Messe), besteht also die Gefahr, dass die kognitive Entlastung der Arbeitnehmer zu sinkender Aufmerksamkeit und mittelfristig auch zu einer Entwertung von Erfahrungswissen führt. Dies lässt sich nur vermeiden, wenn Beschäftigte nicht isoliert mit Wartungstätigkeiten betraut sind, sondern sowohl in Prozessentwicklung und Steuerung einbezogen werden und regelmäßig weiterqualifiziert werden, möglichst direkt am Arbeitsplatz.

Dies erfordert, Automatisierungsprozesse nicht einfach in bestehende Strukturen "einzupflanzen", sondern sie unter Beteiligung der Mitarbeiter als umfassenden Innovationsprozess zu begreifen, bei dem es nicht nur um Technik, sondern genauso um Prozesse und Arbeitsorganisation geht. Oder um die Soziologin Sabine Pfeiffer zu zitieren: "Die Antwort auf die Frage, wie Industrie 4.0 gestaltet werden soll, liegt in Prozessen sozialer Innovation, die partizipativ und agil organisiert sind." Nur so wird eine menschenzentrierte Komplementarität zwischen Mensch und Maschine gelingen und die vernetzte Industrie zum Gewinn für Wirtschaft und Arbeitsnehmer in Deutschland.

Das Zitat von Prof. Dr. Sabine Pfeiffer stammt aus ihrem sehr lesenswerten Artikel "Soziale Technikgestaltung in der Industrie 4.0" im "Werkheft 01 - Digitalisierung der Arbeitswelt", das Sie hier downloaden oder bestellen können.